Kapitel 1: Ein unmoralisches Angebot im Tattoo Museum

Die menschliche Haut ist zwischen ein und vier Millimeter dick und trennt als Organ das Innen vom Außen. Die Haut schützt vor Wärmeeinflüssen und kann Empfindungen weiterleiten. Sie verfügt über Haare und Schweißdrüsen, als auch Rezeptoren. Sie wird von Bakterien, Pilzen und Kleinstlebewesen besiedelt. Manche fühlen sich wohl in ihrer Haut und manche nicht. Manche ließen früher ihre Haut tätowieren.

Tätowierung, so nannte man das Injizieren von Farbe in die zweite Hautschicht. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts begann man auch die Augäpfel zu tätowieren.

Blanca stand im Tattoo Museum und las interessiert die Tafeln. Sie hatte den Raum der Arschgeweihe hinter sich gebracht, war im Tribal Saal, hat sich religiöse, ethnische und antike Tätowierungen angesehen und war nun bei den Vitrinen mit eingelegten Augäpfeln angekommen. Sie wartete auf einen der Sicherheitsmänner des historischen Archives, den sie in einem Mordfall verhören wollte. In der Zwischenzeit sah sich ein bisschen im Museum um. Wenn sie doch schon einmal hier war.

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Die Augäpfel widerten sie an.

Wer machte denn sowas? Also erstens den Augapfel tätowieren lassen und zweitens Augäpfel tätowieren. Es schauderte sie nur bei dem Gedanken daran. Sie machte sich schleunigst vom Acker und schlenderte weiter in die Halle mit den UV Tattoos. Der Raum war in industriell kühlem Design gehalten und war mit Schwarzlicht durchflutet. An der linken Wand hingen präparierte Körperteile, die unterschiedlichste Motive zur Schau stellten. An der rechten Wand waren die abgelösten Hautteile hinter Glas. Alle wurden sie mit UV-Licht beleuchtet und legten so ihre Geheimnisse offen.

Ein sonderbarer Anblick. Faszinierend und ekelhaft zugleich. Sie hatte gelesen, dass in früherer Zeit ganze menschliche Körper präpariert und ausgestellt worden waren. Da gab es Ausstellungen mit Menschen, denen die Haut abgezogen worden war, sie nannten es „Körperwelten“. Angeblich um dem Volk die Anatomie näher zu bringen. Auch irgendwie pervers, wie sie dachte. Im Jahr 2093 musste man sich im Museum eben mit tätowierten Körperteilen zufrieden geben. Sie konnten sich eigentlich glücklich schätzen, dass sie wenigstens dieses Museum hier hatten. Obwohl, es hätte ihr auch nichts gefehlt, wenn es dieses Museum nicht gegeben hätte, sonst wäre sie sicher schon zuvor einmal dagewesen.

Wenn ein Mordfall sie schon hierher führte, warum aber nicht anschauen, interessant war es ja, unbestritten. So ein mythisches japanisches Motiv hätte sogar sie sich tätowieren lassen, aber das war heutzutage leider nicht mehr möglich. Irgendwo mussten Abstriche gemacht werden, wenn man die letzte Stadt auf Erden war, und nur 250.000 Menschen überlebt hatten. Man konnte damals nicht alles mitnehmen und jetzt eben auch nicht alles zur Verfügung stellen.

Sie studierte gerade die Inschrift über Titanium White Tattoos. Diese Technik ermöglichte es damals berufstätigen Menschen, sich tätowieren zu lassen. Am Tage unsichtbar entfalteten diese aufwändigen Kunstwerke erst nachts ihre volle Pracht. Tätowierungen waren lange verpönt und nicht in jeder Berufsgruppe toleriert.

Haut.

Ihre Haut hat im letzten Jahr viel über sich ergehen lassen müssen. Sie war beim Versuch ein Verbrechen aufzuklären vom Weg abgekommen, von Systemmitarbeitern, also eigentlich von Kollegen angeschossen worden. Die Auflösungskapsel löste bereits ihre Haut von ihren Knochen als sie gerettet worden war. Es dauerte einige Monate, bis alles wieder halbwegs verwachsen war und stellenweise war immer noch nicht alles ganz an seinem Platz. Blanca verbarg ihre Narben hinter einem engen Trikot aus einem weiterentwickelten Polyurethan. Dieses wurde als Schaum aufgesprüht und härtete in kürzester Zeit aus. Das Material schützte gegen äußere Einflüsse, war angenehm zu tragen, man sah nicht hindurch, und man konnte nicht erkennen, was sich darunter für eine Tragödie abspielte. Sie hatte diesen Schaum in allen möglichen Farben zu Hause, und heute hatte sie als Grundfarbe gelb und als Knie, Ellenbogenschoner und Stiefel eine weiße Farbe gewählt. Sah irgendwie witzig aus, in dem Licht.

Blanca sah erst an ihrem Anzug entlang und wie das weiße Licht das Schwarzlicht reflektierte. Ihr Blick landete aber dann doch wieder, wie in letzter Zeit immer, auf ihrem linken Oberarm und glitt dann weiter hinunter zum Unterarm. Sie betrachtete ihn und drehte den Arm im ungewohnten UV Licht und bewunderte die dunkle metallische Konstruktion. Leider war nach ihrem schweren Unfall nicht mehr viel zu machen und die Extremität konnte nicht mehr gerettet werden.

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Der Arm wurde amputiert

und durch eine Leichtmetallprothese ersetzt. Die Hand funktionierte gut und sie konnte sie fast vollständig einsetzen, als ob nichts gewesen wäre. Aber das Fremdkörper Gefühl blieb. Trotz der Medikamente und der Therapie. Oft machte sie diese Übungen mit dem Spiegel, die ihr der Arzt empfohlen hatte: An einen Tisch setzen und einen Spiegel in die Mitte stellen, quasi als Trennung zwischen rechter und linker Körperhälfte. Der Spiegel soll die rechte Körperhälfte reflektieren. Man sieht nach links in den Spiegel hinein und hebt den rechten Arm. Das vermittelt den Eindruck, als ob man den linken Arm heben würde und scheinbar gibt das dem Gehirn ein gutes Gefühl. Ihr half es jedenfalls.

Während sie wie so oft das glänzende schwarze Metall ihrer Finger bestaunte und dabei die Finger langsam bewegte,

hörte sie von hinten eine Männerstimme.

„Wen haben wir denn da? Die bekannteste Frau des Systems beehrt uns mit einem Besuch. Welche Ehre!“ statt dem erwarteten Sicherheitsmann stürmte der Museumsdirektor höchstpersönlich auf Blanca zu. Sie hasste ihn regelrecht. Er war einer der B-Promis von Usguard, eine schillernde Figur und er ließ kein Blitzlichtgewitter aus. Er stand gerne im Mittelpunkt und sah aus wie eine Karikatur seiner selbst. Für einen Mann relativ klein, mehr breit als hoch mit violett getönten langen Haaren und einem riesigen Walrossbart. Er trug immer schrille Kleidung und hatte heute aufgesprühte knallblaue Leggings und darüber eine längsgestreifte Tunika, die alle Farben spielte. Er glaubte wohl darunter seinen Bauch kaschieren zu können, was ihm nur mäßig gut gelang. Blanca ärgerte sich, dass sie ihn nicht hatte kommen hören, es war eindeutig zu spät zum Flüchten und nur widerwillig stellte sie sich der Begegnung.

Er griff nach ihrem rechten Arm und begann ihn aufgeregt zu schütteln. Eine Tradition, die man auch auf Usguard nicht abgelegt hatte. Blanca schüttelte überhaupt nicht gerne Hände und seine am allerwenigsten.

„Sie sind ja aus den Medien gar nicht mehr wegzudenken.“ Setzte der Direktor fort. „Da haben sie ja ganz schön für Aufruhr gesorgt. Wachgerüttelt haben sie uns, mit uns meine ich das mindere Volk sozusagen. Wenn wir das alle gewusst hätten. Na vermutlich wär dann auch nicht viel anders gelaufen.“ Er musste lachen und klopfte der zierlichen Blanca fast kumpelhaft auf den zarten Rücken.

Sie zuckte sichtlich zusammen

und der Direktor bemerkte, dass er mit seiner riesigen Pranke ein bisschen zu grob gewesen war.

„Oh verzeihen sie, wie bin ich doch wieder stürmisch. Aber ich freu mich so sehr sie zu sehen. Da wäre es fast mit mir durchgegangen. Darf ich sie ein bisschen in unserem Haus herumführen? Möchten Sie Erklärungen zu der einen oder anderen Ausstellung? Was hat ihnen bisher denn am besten gefallen? Was sage Sie denn zu den Augäpfeln? Die sind schon der Knaller, nicht?“

Blanca wusste gar nicht, welche der vielen Fragen sie zuerst beantworten sollte, und gerade, als sie beginnen wollte, prasselte schon die nächste Frage auf sie ein.

„Weil wir uns gerade so nett unterhalten. Ich hab da eine große Bitte an sie und es mag ihnen etwas verwegen und skurril erscheinen. Aber ich habe einen großen Traum, den nur sie mir erfüllen können.“

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Er machte es spannend

und Blanca hatte nicht die leiseste Vorstellung worauf dieser fürchterliche Mann hinauswollte.

„Sie hatten doch ihren Unfall. Wir haben es alle trauriger Weise in den News mitverfolgt.“ der Museumsdirektor tat auf mitfühlend und machte eine Geste hin zu ihrem Arm.

„Ich wage es ja gar nicht anzusprechen, aber haben sie das abgetrennte Teil noch?“ Er zeigte nun ganz unverhohlen auf ihre Armprothese und grinste unverschämt.

Blanca stutzte. Das tat er nicht wirklich oder? Er war ihr völlig fremd und er sprach sie auf ihr schrecklichstes Erlebnis an, seit sie denken konnte. Wieso sollte sie ihm diese Information anvertrauen? Was bildete der sich nur ein? Er schaute so lüstern, gerade dass nicht der Sabber aus seinen Mundwinkeln tropfte.

„Ich frage nur deshalb. Man kommt ja nicht leicht an coole Ausstellungsstücke in unserer Stadt heran. Aber ihren Arm würde ich wirklich sehr gerne in eine Vitrine stellen. Ich könnte mir da eine ganze Ausstellung vorstellen und ihrem Teil widmen wir einen eigenen Raum. Er ist quasi aufrecht mit den Fingern nach oben in einem runden Glaszylinder. Auf einer schönen Marmorimitatsäule. Lichteffekte. Videos und Inschriften.

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Blanca war schon wieder angewidert.

Hörte das denn heute gar nicht mehr auf? So ekelhaft. Erst die Augäpfel, dann die Körperteile und jetzt dieser widerliche Kerl. Er sah sie hart und mit festem Blick an, und sie knickte ein und wurde richtig wütend.

„Nein. Können sie nicht. Und sie müssen auch nicht runder Glaszylinder sagen, ein Zylinder hat immer einen runden Querschnitt. Was denken sie sich eigentlich? Mein Arm ist meine Sache. Den stelle ich doch nicht vor einer geifernden Menge zur Schau. Entschuldigen sie mich bitte, ich habe hier zu arbeiten.“ Blanca war entsetzt. Sie machte kehrt und flüchtete, ihr weißblonder Pferdeschweif schwang dabei hektisch von links nach rechts. Auch wenn sie eigentlich gar nicht wusste wohin, weil sie keine Ahnung hatte, wo der Sicherheitsmann auf sie warten würde. Aber genug war genug und dem Museumsdirektor widmete sie sich sicher keine Minute länger. Es war Zeit für die Befragung ihres Verdächtigen.

„Überlegen sie es sich, Mädchen. Normalerweise bekomme ich das, was ich möchte. Es könnte gewinnbringend für beide Seiten ablaufen, wenn Sie kooperieren. Ich hasse es, wenn ich Beziehungen spielen lassen muss, um ans Ziel zu kommen. Und ich komme immer ans Ziel. Ob mit Ihrer Kooperation oder ohne sie. Es liegt ganz bei Ihnen.“ rief er ihr siegessicher nach.

Sie wissen ja, wo sie mich finden!“ hängte er noch an und Blanca konnte es leider noch hören.

 

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