Kapitel 6: Unfassbar, was bei einem Abendessen passieren kann.

Es war das erste Mal dass Mike eine Freundin mit zu seinen Eltern zum Essen brachte. Dementsprechend nervös waren alle und jeder war aufgekratzt und übertrieben höflich und freundlich.

Eve zupfte ständig an sich herum, fuhr sich durch die Haare und schien nicht richtig aufmerksam zu sein.

„Sei nicht so flippig. Es ist nur ein Essen bei meinen Eltern. Du bekommst heute keinen Heiratsantrag also bleib cool.“ Mike wusste, wie er die Stimmung wieder auf den Boden holte.

„Weil es…“ er stockte.

„Weil es?“ Eve fauchte ihn an. Seine blöde Ansage hatte sie doch getroffen.

„Weil es sie bald nicht mehr gibt.“

Mike fing sich kurz, schüttelte, setzte ein Lächeln auf, läutete.

Eve stand verdattert neben ihm und konnte sich kein Lächeln abringen. Sie sah ihn böse an, als sein Vater öffnete.kap6i

„Na endlich. Wir wollten schon eine Vermisstenanzeige aufgeben.“ Er lachte und Mike lugte verlegen zu Boden. Wenn er alleine war, war er immer pünktlich. Er hasste es unpünktlich zu sein. Jetzt, wo er einmal eine Frau mitbrachte war er natürlich zu spät. Wie konnte es anders sein.

„Na na, nur ein kleiner Scherz. Ist ja kein Problem.“ Mikes Vater Andal klopfte Eve vertraut auf die Schulter. „Frauen brauchen Zeit um sich zurecht zu machen. Das wird immer so bleiben.“

„Freut mich dich endlich kennen zu lernen, ich bin Andal, Mikes Vater.“

Mike verdrehte die Augen.

„Was für eine Vorstellung. Wer sollst du denn sonst sein, wenn wir heute zum Essen bei meinen Eltern sind. Den Vater hättest du dir sparen können.“

„Ach Junge, sei doch nicht so verkrampft. Ist doch alles nur Smalltalk – um ein bisschen aufzutauen. Könnte dir auch nicht schaden. Meine Frau Gibbi ist in der Küche. Soferne man Küche dazu sagen kann. Sie wird auch gleich kommen.“

Mike stellte ein Silberdöschen Gelee auf den Tisch. „Hab ich für heute mitgebracht. Hoffe es schmeckt euch.“

 

Gibbi kam dazu und wischte verlegen ihre Hände an dem Papierschurz ab, den sie zum Schutz übergestreift hatte.

„Hallo Eve, schön dass du da bist, ich bin Gibbi, Mikes Mutter.“

Mike schüttelte den Kopf. „Natürlich, du auch noch. Ihr zwei habt euch wirklich gefunden.“

Eve ergriff Gibbis Hand und schüttelte sie ausführlich.

„Freut mich auch, Andal und Gibbi, es wird sicher ein schöner Abend. Ihr hättet euch nicht solche Umstände machen müssen.“ Eve war total traurig geworden, seit ihr Mike das mit seinen Eltern gesagt hatte, und hatte Mühe sich zu verstellen. Sie kämpfte damit keine feuchten Augen zu bekommen und wollte dass der Abend ganz besonders schön verlief.

Andal bot Eve und Mike einen Platz an und sie setzten sich. Eve sah sich neugierig und neidisch um. Sie war zum ersten Mal in einem Stan.

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„Nein, bitte setz dich nicht hierhin, das ist der Platz meiner Mutter. Bitte nimm den da.“ Mike zeigte auf einen anderen Stuhl und

Eve war es peinlich. Sie entschuldigte sich.

„Echt toll hier, sehr geräumig. Man hat hier schon deutlich viel mehr Platz als in einem Single Container.“

Gibbi und Andal lachten. „Ja, wir haben dafür auch hart geschuftet und freuen uns auch, dass wir ihn haben.“

Gibbi brachte das Essen aus der Küche. Zur Feier des Tages hatte sie sich ein Stück Fleisch von ihren Kollegen der Muskelforschung geholt und es in einer Köcherei zubereiten lassen. Außerdem hatte sie ein wenig Grünzeug organisiert und damit ein schönes eiweißreiches Gericht gezaubert. Echtes Fleisch gab es nur ganz selten, es wurde für die Produktion von Kauwürfeln benötigt, und normalen Familien stand nur einmal monatlich ein Anteil zu. Doch wenn man Beziehungen hatte, so wie Mikes Eltern kam man auch zwischendurch an die begehrte Ware heran.

„Nehmt euch. Bitteschön“ Gibbi machte mit ihren Händen eine so ausholende Geste über den Tisch, man hätte meinen können, sie präsentiere eine riesige und üppige Tafel. Obwohl für die Verhältnisse Usguards war es das auch: es stand eine Flasche Wasser am Tisch, jeder hatte eine Handvoll Insekten am Teller und ein geschmorter Muskel lag im Topf, der in der Mitte des Tisches stand. Dazu gab es frisch gezupfte Kräuter und ein Minigebäck. Was wollte man mehr. Für Menschen, die tagaus tagein nur von Proteintabletten, Vitamintabletten, Salzen und wenig Wasser lebten, war das schon was.

„Na da werden wir danach wieder alle Bauchweh haben. Gibt’s wieder einmal ein bisschen was zu tun für den guten alten Verdauungstrakt. Damit er nicht einschläft. Gut dass ich etwas dabei habe, damit es nicht ganz so wild wird.“ Mike klatschte sich auf den Bauch, lachte und zeigte auf das Silberdöschen das er mitgebracht hatte. Er zwinkerte seinem Vater zu.

„Aha. Was ist denn das Feines?“

fragte dieser und schnupperte neugierig am Inhalt. Als ehemaliger Wissenschaftler war er immer interessiert an innovativen neuen Produkten und wenn es noch dazu lecker schmeckte, als Feinschmecker noch mehr. Als Gourmet hatte man es schwer auf der Insel, es gab ja kaum etwas das fein schmeckte.

„Das wirst du dann nach dem Essen schon sehen.“ Mike machte es spannend.


Blanca wollte sich in der Zwischenzeit mit Noah Todd unterhalten.

Er war der Kontakt, den sie von ihrem Zeugen im Tattoo Museum erhalten hatte und bisher war keine Zeit gewesen, ihn zu vernehmen. Sie checkte seine Adresse im Legpad und stellte die Zieladresse in ihrem Helm ein. Sie würde ihn auf seinem Arbeitsplatz besuchen.

Mit dem Hoverboard war sie im Nu bei ihm. Er war Wissenschaftler im Grünbezirk und sie war froh, endlich wieder einmal hier zu sein. Der Grünbezirk war unglaublich schön. Jeder Usguarder durfte 12 Stunden im Jahr hier verbringen, vier Mal jährlich je drei Stunden. Blanca hatte ihre letzten zwanzig Stunden nicht konsumiert und verfallen lassen. Leider, wie sie nun feststellte. Hier gab es Bäume, Blumen, Gewächshäuser und jede Menge Labore und die Leute nutzten es zum Spazieren, Picknicken und Entspannen. Nur die vorgesehene Anzahl an Besuchern durfte gleichzeitig hinein, man musste strengstens darauf achten, dass die Leute keine Kräuter, Setzlinge oder Samen mitgehen ließen und es brauchte eine hohe Menge an Sicherheitskräften um das gewährleisten zu können.

Blanca kämpfte sich im Gewächshaus durch Hängepflanzen und Hochbeete und die hohe Luftfeuchtigkeit setzte ihrem Anzug ganz schön zu. Endlich war sie bei ihm angekommen. Sie erkannte ihn sofort anhand seines Fotos. Er war Mitte zwanzig, groß und schlank und sein dunkles gelocktes Haar stand wuschelig von seinem Kopf ab. Er sah sympathisch aus.

„Noah Todd?“ fragte sie?

„Ja?“ Aber Noah hatte schon mit ihrem Besuch gerechnet, sein Freund aus dem Museum hatte ihn vorgewarnt.

„Ich hatte sie schon eher erwartet.“

„Sehr gut. Sie wissen warum ich hier bin. Sie waren ein Klient von Rudy Fusar?“

„Ähm.“ Noah wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Wenn er ja sagte, konnte er selbst in Schwierigkeiten geraten und das wollte er vermeiden.

„Keine Sorge, sie werden nicht verdächtigt und sie bekommen keinen Ärger. Wir benötigen ihre Informationen nur um den Mörder zu finden und sie bekommen nur dann Schwierigkeiten, wenn sie etwas mit dem Mord zu tun haben. Wenn Sie uns hingegen Tipps geben, die zur Ergreifung des Mörders führen, werden wir nicht in ihrer Sache ermitteln und es werden alle Einträge aus ihren Akten gelöscht.“ Blanca konnte ihn beruhigen.

Noah war erleichtert und atmete durch. „Ok danke. Ich war kurz unsicher. Ich liebe meinen Job hier und will keine Schwierigkeiten bekommen.“

„Wie gut kannten Sie den Ermordeten?“ fragte Blanca und zeichnete die Unterhaltung am Legpad mit.

„Nun, ich war ein Klient. Wir haben uns immer wieder getroffen, unsere Waren getauscht, und sind hin und wieder danach auf ein Bier. Also nicht gut, aber gekannt.“

„Um sie nicht in Verlegenheit zu bringen, möchte ich nicht darauf eingehen, was sie bei ihm gekauft haben, aber in welchem Intervall haben sie sich gesehen?“

„Alle zwei bis drei Wochen.“

„Doch so oft. Worüber haben Sie gesprochen, wenn sie miteinander auf ein Bier gegangen sind?“

„Über Kunst. Er war ganz verrückt nach Kunst, aber das wissen sie schon. Über seine Söhne manchmal. In letzter Zeit vermehrt über seinen Zulieferer, ich glaub

er nannte ihn Ramos.“

„Was wissen sie über Ramos? Wie lange war er schon sein Zulieferer? Hatten Sie ein gutes Verhältnis oder gab es oft Zoff?“

„Er hat nur gut über ihn gesprochen. Er konnte ihn gut leiden.“

„Haben Sie eine Adresse oder einen Nachnamen? Wie oder wo kann ich Ramos finden?“

„Nein, das weiß ich leider nicht.“

„Haben Sie sonst noch Hinweise, die uns helfen könnten, den Mörder dingfest zu machen?“

„Seine Frau hat in letzter Zeit ein wenig Stress gemacht.

Er hat sich ein paar Mal über sie beklagt.“

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„Bei ihr waren wir schon. Danke für die Information, sie hat uns nichts von Konflikten erzählt, wir werden noch einmal nachhaken.“

Blanca stoppte die Aufzeichnung und bedankte sich bei Noah Todd. Er bot ihr an, sie am Gelände herumzuführen und das wollte sie sich nicht entgehen lassen. Sie schickte Mike einen kurzen Status durch. Sie hatte im Moment keine Lust ihn zu sehen und wollte vermeiden dass er sie anrief oder schlimmer noch, bei ihr aufkreuzte. Erst musste sie die neuen Informationen verarbeiten. Solange wollte sie ihn auf Abstand halten.

Die Führung war super und Blanca konnte unglaublich viel Neues mitnehmen. Es gab so viele Dinge auf Usguard, die sie noch nicht kannte und von denen sie nichts wusste und in den zwei Stunden der Führung konnte sie richtig gut abschalten.


Eve räusperte sich und machte sich bemerkbar.

„Ich wollt euch auch gerne etwas fragen. Wir bei der Opposition züchten auch Kräuter und Muskeln. Ein paar Wissenschaftler haben sich uns angeschlossen und unterstützen uns. Was war genau ihre Aufgabe und was waren ihre Schwerpunkte der Forschung? Seid ihr in der Lebensmittelbranche gewesen?“

Gibbi freute sich über die Frage, sie hatte immer so gerne gearbeitet und erzählte stolz über ihre Fortschritte. „Nun wir haben an den Bodysprays gearbeitet. Also an Papier zum Aufsprühen, das jede Bewegung mitmacht, wärmt und atmet, cool aussieht und das man am Abend wieder runterreißen und zum Recyceln in die Verwertung wirft.“ Sie nahm ihren Mann an der Schulter und sah ihn mit strahlendem Gesicht an.

„Was die liebe Blanca heute trägt, ist aus unseren Forschungsgrundlagen entstanden, nicht?“ Andal nickte nur und die beiden blieben eine Zeit lang still.

Sie prosteten sich mit den Getränken, die sie aus Mikes Gel und Wasser gerührt hatten zu. „Und was ist das jetzt Spezielles. Los, erzähl schon.“

„Ach das.“ Mike machte eine beschwichtigende Handbewegung. Das ist nur der letzte Schrei von Joyland. Ein Mix aus speziellen Substanzen, die verdauungsfördernd wirken sollen, was für unsereiner wichtig ist, wo wir doch nur so selten essen und es soll eben ganz speziell schmecken. Sie nennen es <Elements>. Lommy, dieser superreiche Sunnyboy – ihr wisst schon, der der mit der Tochter vom Museumsdirektor diesem Modepüppchen liiert ist. Er hat wieder ein paar neue Substanzen synthetisiert und: Tata da ist er. Was sagt ihr dazu?“

Sein Vater nickte anerkennend. „Echt lecker. Erinnert ein wenig an Muskat. Da hat er junge Kerl was echt Tolles fabriziert. Auf dieser Insel mit unserem Rohmaterial neue Substanzen zu kreieren ist ja wirklich nicht einfach.“

Es läutete an der Türe und die vier sahen sich verdutzt an.

„Erwartet ihr noch jemanden?“ fragte Mike seine Eltern.

„Nein. Wir sind auch ganz überrascht.“

Andal stand auf und ging zur Türe. Durch den Spion konnte er nichts erkennen, so öffnete er.

Am Boden lag ein Briefumschlag. Er hob es auf und sah sich im Stiegenhaus um. Es war niemand zu sehen oder zu hören. Er nahm den Umschlag mit hinein und wollte sich gerade setzen, als es erneut läutete.

„Jetzt wird’s aber unheimlich.“ Sagte Gibbi.

Andal machte wieder auf.

Blanca stand draußen. Sie heulte.

„Blanca. Komm doch rein. Was ist denn los?“ Andal nahm sie an den Schultern und zog sie mit sich in den Wohnraum hinein. Er schenkte ihr etwas zu trinken ein und Gibbi brachte einen Klappstuhl.

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Blanca zitterte und schluchzte. Sie warf Eve einen bösen Blick zu und hielt Mike einfach nur ihren Legpad hin. Die Nachricht, die er las lautete: „Du musst schnell kommen. Es ist was total Blödes passiert. Wie soll ich es sagen. Dein Arm ist weg.“

Andal öffnete währenddessen unauffällig den Brief, der an der Türe gelegen hatte. Es war ein Foto drin, das eine Glaskuppel mit einem Arm drin zeigte.

„Versteht ihr das?“ fragte er in die Runde. Alle sahen sich ratlos an, nur Blanca begann wieder zu schluchzen.

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