Kapitel 7: Diese Globuli helfen einfach gegen nichts. Auch nicht gegen Mord.

Als Blanca sich wieder halbwegs gefangen hatte, drängte alles zum Aufbruch. Gibbi verabschiedete ihren Sohn und Eve: „Es hat mich so gefreut, kommt doch bald wieder.“ Sie zwinkerte ihrem Sohn zu.

Mikes Vater drückte seinen Sohn und sprach ihm leise ins Ohr: „Komm doch bitte demnächst einmal alleine vorbei. Lass dir nicht zu viel Zeit, wir wollen die noch etwas sagen, bevor, na du weißt schon.“

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Auch Blanca erhob sich, schniefte und tupfte letzte Tränen weg. Sie hätte so gerne allen von den Geheimnissen auf ihrem Arm erzählt, und was sie alles entdeckt hatte. Aber aus dem Highlight ist ein absolutes Desaster geworden. Keiner verstand, warum sie sich so aufregte und ihr der Arm und nun sein Verlust so viel bedeutete. Aber sie war noch nicht bereit, sich zu öffnen. Schon gar nicht solange Eve dabei war. Gibbi und Andal wollten sie nicht wegfahren lassen, sie boten ihr an, bei ihnen zu übernachten und Blanca nahm das Angebot allzu gerne an. Sie war froh, noch ein wenig mehr Zeit mit den beiden verbringen zu können, auch wenn die Umstände denkbar unglücklich waren. Doch manchmal muss man es nehmen, wie es kommt. Früh am Morgen, noch vor ihrem Dienst brach sie aber auf. Der Duke hatte sie eindringlich gebeten, so schnell wie möglich vorbei zu kommen.

Bei der Opposition war man sehr aufgeregt. Das Verschwinden von Blancas Arm ließ keinen kalt. Der Duke ließ die Überwachungsbänder sichten.

Viele versuchten währenddessen Blanca zu trösten und zu beruhigen. Blanca war schwer angeschlagen, heulte, stampfte, kauerte dann wieder in einem Stuhl, schluchzte und zitterte. Vor allem die Frauen knieten bei ihr, hielten sie an den Knien und redeten auf sie ein, dass alles gut würde, der Arm wieder auftauchen würde und sprachen ihr Mut zu. Die Männer standen mit ein wenig Abstand drum herum und suchten nach möglichen Lösungen, sprachen von Rache und drohten dem Dieb Gewalt an.

„…wenn ich den in die Finger kriege.“ hörte man, oder „…den holen wir uns zurück.“ Auch Aussagen wie „…der kann doch nicht einfach bei uns reinspazieren und uns was wegnehmen.“ und „…das werde ich dann bei dem auch machen.“ bis zu „…dem blase ich die Hütte weg.“

Jedem stand die Besorgnis darüber ins Gesicht geschrieben, dass ein Wildfremder einfach eingedrungen war und etwas entwendet hatte. Und lange niemandem etwas aufgefallen war.

Die Frauen waren entsetzt und besorgt wegen der Kinder, die Männer wegen der Werkzeuge. Auf Usguard musste man mit allem haushalten. Nichts gab es in Überfluss und alles musste wieder verwertet werden. Die Opposition hatte lange daran geschuftet, den Standard, den sie jetzt hatten, zu erreichen. Sie wollten sich das von niemandem kaputt machen lassen.

Deshalb hörte man auch einige Stimmen gegen Blanca, die das Böse quasi geradezu zu ihnen gebracht hatte. Doch sie wurden schnell von den anderen ruhig gestellt und in die Rippen geschubst. Jetzt war Zusammenhalt gefragt. Für solche Missstimmungen war jetzt kein Platz.

Einige hielten noch an der Theorie fest, dass ein Tier das Teil gestohlen haben könnte, manche glaubten, dass sich jemand einen dummen Spaß gemacht hatte. Einige hatten die Kinder in Verdacht. Doch Blanca zeigte ihnen das Foto und die Nachricht vom Museumsdirektor, die ließ eigentlich keine Zweifel mehr offen.

Alle redeten wie wild auf Blanca ein, die arm und jämmerlich auf einem Sessel kauerte und auf gute und vor allem konkrete Antworten wartete. Es dauerte zum Glück nicht allzu lange und sie wurde vom Duke gerufen. Sie war froh, endlich Gewissheit zu bekommen.

„Es war ein Typ in schwarzem Spraysuit. Er trägt einen Helm – wir können nicht erkennen, wer er ist.“ Der Duke kommentierte, was alle auf der Aufzeichnung sehen konnten.

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„Der Museumsdirektor ist es jedenfalls nicht, so kann niemand seine Wampe einziehen. Der Kerl war schlank.“ Ergänzte Blanca.

„Wenn es ein Kerl ist. Sieh dir mal an, wie der geht. Und die Proportionen.“ Der Duke hielt den Kopf schief und versuchte ein Profil zu erstellen. „Der Größe nach aber müsste es eigentlich ein Typ sein. Er oder sie ist schon ziemlich groß.“

Er nahm Blanca beiseite. Er wusste, dass sie total sauer auf ihn war.

Sie sah enttäuscht an ihm vorbei. Ihm in die Augen zu sehen, hätte sie jetzt nicht fertig gebracht.

„Ich dachte, du hast deine Leute im Griff? Wie kann eigentlich jemand Fremder so einfach in dein Gebiet eindringen? Habt ihr keine Patrouille mehr?“

„Doch. Eve hatte Dienst. Sie ist aber kurz vor Schichtwechsel aufgebrochen, sie hatte doch das Essen mit Mikes Eltern. Und die Folgeschicht war leider noch nicht da. Wer denkt denn daran, dass genau in dieser kurzen Zeit passiert. Es waren nur wenige Minuten.“

„Eve ist also Schuld, dass mein Arm weg ist.“ Blanca hasste sie von diesem Moment an noch mehr. Der Duke beruhigte sie.

„Nein, Schuld ist der, der ihn gestohlen hat. Niemand sonst. Also konzentriere bitte deine Wut und deinen Ärger auf ihn und nicht auf meine Leute. Ohne uns hättest du den Arm erst gar nicht mehr wiedergesehen.

„Ja du hast Recht. Ich werde das berücksichtigen. Aber eine andere Sache. Kann ich mir die Lampe behalten oder brauchst du sie wieder?“

„Also nach der Sache heute – wie könnte ich da sagen du musst mir die Lampe zurückgeben? Natürlich kannst du sie behalten.“

Blanca erhielt eine Nachricht auf ihren Legpad, sie war von Mike. Sie war erleichtert, denn sie hielt es keinen Moment länger mehr bei der Opposition aus.

Die Adresse, die ihr Mike geschickt hatte, war nahe am Rand der Plattform und obwohl der Tag schön war, so peitschte doch eine strenge Brise vom Meer her gegen die Plexiwand und spritzte sie immer wieder mit Wasser voll. Salzränder und Tropfen bildeten schöne Muster, verzerrten aber leider die Sicht durch die Kunststoffwand aufs Meer. Blanca hätte gerne durch eine freie Stelle hinausgelugt, sie machte das so oft sie konnte, aber Mike wartete und auch die vielen anderen Einsatzkräfte zappelten schon ungeduldig herum, als Blanca endlich auftauchte.

Mike lotste sie durch hinauf in die Wohnung. „Eigentlich dachte ich, es ist eine Routinebefragung eines Zeugen. Du hast den Namen ja von Noah Todd bekommen. Und dann sowas. Das musst du sehen. Der Wahnsinn. Ich bin jetzt schon so lange beim System, aber so etwas ist mir noch nicht unter die Augen gekommen. Vorsicht Spoiler – aber ich würde sagen, es ist ein Ritualmord.“

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„Ritualmord?

Wie kommst du denn da drauf?“ Wollte Blanca gerade fragen, als sie die Wohnung betrat aber sofort im Bild war.

„Fotos habt ihr alle schon gemacht?“ Die Frage war mehr oder weniger rhetorisch.

Mike nickte. „Klar. Was denkst du denn, was wir getan haben, bis du da warst.“

Mikes Praktikant reichte Blanca Überziehschuhe und Handschuhe.

„Na da siehst du. Was wir heute alles brauchen. Und vor allem was wir alles dabei haben. Voll wie die Profis oder?“ Mike musste schmunzeln. Er hatte eine Riesenfreude mit dem Fall. Er fühlte sich überlegen, dass genau sie beide diesen Fall bearbeiteten und so eine Gelegenheit bekamen.

„So freu dich doch nicht so, da wurde eben ein Mann gemeuchelt.“ Blanca schimpfte ihn.

„Des einen Freud, des andern Leid.“ Sagte Mike und betrat vorsichtig das kleine Appartement. Unter seinen Füßen knirschte es.

„Was ist das? Was sind diese ganzen Kügelchen?“

„Sie nennen das Zeug Globuli. Das sind zuckerhaltige Medikamente, die mit den Substanzen, die die Neobioten herstellen, versetzt sind. Das „Medikamente“ setzte Mike durch Anheben beider Hände und symbolisch mit Zeige- und Mittelfinger beider Hände unter Apostroph.

„Verstehe.“ Blanca nickte und schmunzelte. „Dann sollten die eigentlich Glaubulis heißen, denn ohne dran zu glauben wirkt da nichts. Wie viele von diesen Globulis hatte der da gelagert? Die ganze Wohnung ist voll mit dem Zeug.“

„Der hat die nicht gelagert, der hat die produziert. Wir haben da hinten die ganze Ausrüstung gefunden. Er ist Neobiot und hat wirklich unglaublich viel davon produziert.“ Klärte Mike Blanca auf.

Blanca war überrascht: „Wieso wurde der nie auffällig? Der hat sich ganz schön gut vor uns verborgen.“

Mike nickte und setzte fort.

„Scheint, als ob er gerade ausliefern wollte, diese ganzen zerfetzten Kartons dürften gerade zum Abtransport fertiggestellt worden sein, und irgendjemand hat ihm seine Pläne zunichte gemacht. Aber nun komm, sieh dir doch mal die Leiche an.“

Blanca stapfte weiter in den Container hinein, wo die Leiche am Boden lag. Die Wohnung war eigentlich sehr ordentlich. Bis auf die zerrissenen Schachteln und die herumliegenden Produkte war alles an seinem Platz. Ramos musste also sehr ordentlich gewesen sein und

sein Mörder scheint ziemlich ausgerastet zu sein.

„Wirkt nach einem sehr aggressiven Gewaltverbrechen. Etwas im Affekt?“ fragte Blanca.

„Eher nicht. Affekt schließen wir eigentlich aus. Aber wütend war der aber auf jeden Fall.“ Erwiderte Mike.

Der an sich abgedunkelte Container war durch die Lampen der Protektoren hell erleuchtet, so bekam die an sich tragische Szene etwas steriles Medizinisches. Ohne die ganzen Lichter wäre der Anblick aber gewiss ziemlich unheimlich gewesen.

„Sind wir schon sicher, dass es ein Mann war? Du sagtest ? Habt ihr etwa schon jemanden in Verdacht?“ fragte Blanca.

Sie und Mike traten um die Leiche herum. Nun lag sie ausgestreckt vor ihnen. Sie war komplett entkleidet und an einigen Stellen waren Öffnungen in den Körper geschnitten worden: In den Leisten, den Oberschenkeln, dem Bauch, den Oberarmen. Und auch durch die Handflächen. Die Kleidung lag zerrissen und lieblos daneben. Ein Praktikant kam, um die Sachen einzutüten.

„Es sieht nach einem schrecklichen Kampf aus. OK, eine Frau hätte dabei wohl den Kürzeren gezogen. Er scheint sich ziemlich gewehrt zu haben. Wissen wir schon, ob das Opfer betäubt wurde oder irgendwie fixiert war? Es muss muss dabei noch gelebt haben. Wie grausam. “ Sprach Blanca entsetzt aus.

„Ja leider. Das haben wir auch schon besprochen. Gut dass du zum gleichen Schluss kommst. Das bestätigt uns.“ Mike war zufrieden mit Blancas Beobachtungen.

Blanca kniete sich neben der Leiche nieder. Die Augen waren weit aufgespreitzt, der Mund stand offen, die Finger waren weit abgespreizt.

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Was in den Öffnungen steckte, wollte sie genauer sehen.

„Was steckt denn da drinnen? Was sind denn das für Glasröhrchen? Kann ich schon eins rausziehen?“ Sie machte Anstalten eines der Glasgefäße zu entfernen.

„Warte bitte, ich hole den Medizinmann.“ Mike stapfte hinaus und rief nach Hermes Dater. Schon wenige Minuten danach kam er zurück. „Ja, kannst du. Wir haben alles.“

Blanca zog eines der Röhrchen heraus und hielt es gegen eine Lampe.

„Ja, das hat was.“ Blanca stand nickend vor dem Toten und versuchte alle Eindrücke aufzunehmen. Jetzt konnten sie sich als Ermittler wirklich beweisen. So etwas hatte es in Usguard noch nicht gegeben. Seit fünfzig Jahren war das der erste Mord dieser Art. „Du hattest Recht. Ich hätte mich geärgert, wenn ich nicht gekommen wäre.“

Der Tote war mit Globuli übersät. Nicht nur, dass in jeder Wunde Glasröhrchen steckten, auch aus seinem Mund quollen Kügelchen, sowie aus den Augen und aus der Nase.

„Das ist ja unerträglich. Wer macht sowas? Es soll wohl aussehen, als ob das aus ihm rausquillt, aber das hat ja jemand in ihn reingestopft. Kügelchen in die Nasenöffnungen, die Ohren, und sogar die Augen.“ Blanca konnte die Grausamkeit gar nicht fassen.

„Hast du das schon gesehen?“ Mike zog sie am Arm und deutete dann auf die Wand. An dieser stand in bunter Farbe aufgesprüht: „Globuli helfen doch nicht gegen alles.“

„Hab ich es dir nicht gesagt. Das muss man gesehen haben oder?“

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Mike war ganz aus dem Häuschen.

„Ja, du hattest Recht.“ Blanca nickte vor sich hin und klopfte ihm auf seine mächtigen Schultern.

„Zwei Morde in dieser kurzen Zeit. Noch dazu haben sich die Opfer gekannt. Meinst du das war ein und der derselbe Täter?“ Sie grübelte.

„Schwierig zu sagen, wir haben ja in sowas nicht die geringste Erfahrung. „Ich will noch ein wenig hierbleiben. Fährst du inzwischen mit der Leiche und dem Medizinmann zurück ins CPT? Glaubst du du kommst alleine zurecht?“ Mike sah Blanca ganz lieb an.

„Wird schon gehen.“ Blanca klopfte Mike auf die Schulter. „Ich bin schon ein großes Mädchen.“

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