Kapitel 10: Die neue Ausstellung im Museum startet. Was es dort zu sehen gibt, ist für Blanca eine Katastrophe.

Mike und Blanca waren zu Fuß aufgebrochen, sie wollten noch einen Abstecher nach Joyland machen. Mittlerweile waren sie im Aquarium angekommen.

Das Aquarium war die angesagteste Diskothek der Stadt.

Sie war unter dem Meeresspiegel und hatte eine riesige Plexiglasfront ins offene Meer hinaus, über die man die wenigen Fische, die es noch gab, beobachten konnte. Man betrat sie wie ein U-Boot von Oben über eine Leiter. So wurde schon sichergestellt, dass nur junges und fittes Publikum Einlass fand. Am Empfang wurde der persönliche Code registriert um die LOB Einheiten für den Eintritt abzuziehen, denn anders als viele andere Lokale der Stadt, musste man für den Einlass in dieses bezahlen. Die LOB Einheiten wurden über das übliche Gehalt hinaus bezahlt, wenn man besondere Ergebnisse erzielt hatte oder seinen Job besonders gut machte.

„Und du bist sicher, dass man durch meinen Anzug nichts durchsieht?“ fragte Blanca besorgt.

„Verlass dich drauf, dein ganzer Anzug wird hell leuchten. Was darunter ist, wird niemand sehen.“ Mike war sich ganz sicher.

Über ein Signal am Legpad wurden die LOB Einheiten automatisch abgezogen, sobald man die Schwelle überschritt. Mike war auch hier bekannt, was sonst, und sie bekamen einen besonders schönen Tisch zugewiesen.

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„Es ist schon hart. Wenn man die Leute nicht persönlich kennt, nimmt man es einfach so hin, dass sie mit siebzig einfach aussortiert werden. Wenn man die Menschen aber kennt, dann ist es einfach schrecklich zu wissen, dass man sie nur noch so wenige Tage um sich haben darf. Ich verstehe schon, dass wir es uns hier nicht leisten können, kranke alte Menschen zu erhalten, und nicht riskieren dürfen, das wir zu viele hier werden. Aber deine Eltern sind ja noch gesund und fallen niemandem zur Last. Warum machen wir das? Mina könnte da sicher etwas dagegen machen. Willst du nicht mit ihr reden? Wir haben doch jetzt so gute Beziehungen.“

Mike nahm sie bei der Hand und sah sie an. „Rede doch nicht so einen Blödsinn. Wir wissen beide, dass dafür unsere Connections nie im Leben ausreichen würden und dass ich das außerdem nie tun würde. Ich finde die Regeln des Systems richtig und stehe voll dahinter.

Mit siebzig ist Schluss.

So war es in Usguard immer und so muss es bleiben. Das haben sich sehr schlaue Leute gut überlegt und bisher hat das auch prima funktioniert. Ich bin sehr traurig, dass meine Eltern nun an der Reihe sind. Aber deshalb werden wir nicht gleich die Gesetze unserer Stadt über Bord werfen. Und ich war noch nie dafür, Sonderstellungen auszunutzen. Und du auch nicht.“

Er sah sie an und erwartete Zustimmung. Nach einiger Zeit bekam er sie auch und Blanca nickte.

„Du hast doch Recht. Ich wollte nur nett sein. Es macht mich einfach auch traurig, ich kann Gibbi und Andal gut leiden und finde es so schade, dass die beiden, obwohl sie noch so fit sind und gut aussehen, getötet werden nur um Platz für neue Bewohner zu machen.“ Sie drückte Mikes Hand fest. „Sei bitte nicht böse?“

Mike lehnte sich zurück und streckte seine Arme weit vom Körper weg. „Hey, klar doch. Alles gut. Ich hätte da eigentlich auch eine Story zu erzählen. Aber deine war besser.“

„Na los. Entschuldige bitte. Ich war so mit mir beschäftigt. Ihr hattet ja auch große Aussprache. Was ist denn rausgekommen?“

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Er schilderte alles,

seine Adoption und dem Verdacht, dass er ein Resterdling war. Sie kamen zum Schluss, dass beide Geschichten wahnsinniges Potenzial hatten und Blanca erklärte Mikes Geschichte zur besseren.

„Das ist ja Wahnsinn. Und Mina meinst du, weiß davon? Das hieße ja, auf Resterde ist wieder normales Leben möglich. Wenn jetzt nur Helgor hier wäre, was der wohl dazu sagen würde?“

Neue Gäste kamen ins Lokal und mussten am Tisch von Mike und Blanca vorbei, einer der Männer zeigte mit dem Zeigefinger auf Mike und sprach ihn an: „Hey – ein Bart! Cool.“

Mike verstand nicht, was jeder an seinem Bart fand. Er wollte ein kleines Zeichen der Revolution setzen und hatte nicht mit dieser erhöhten Aufmerksamkeit gerechnet.

„Nun mal ehrlich. Warum hast du dieses Ding?“ Blanca ließ nicht locker und sie gab Mike zu verstehen, dass sie als Mikes Partnerin, Freundin und Vertraute ein gewisses Recht hatte, die Hintergründe zu erfahren. Auf ihr konsequentes Drängen gab Mike endlich nach. „Da ist gar nichts.

Nenne es Midlife Crisis, nenne es Trauma. Ich nenne es: Die Bartphase.

Ich erlaube mir zum ersten Mal in meinem Leben eine kleine Rebellion. Und ich denke nicht, dass mir jemand deswegen eine Strafe anhängen wird. Man wird es mir nachsehen. Und ich brauche es. Und jetzt ist Schluss. Mehr will ich dazu nicht mehr sagen.“

Blanca musste innerlich schmunzeln, weil sie wusste, dass er sich im allgemeinen nicht so an Regeln hielt, wie er es jetzt darstellte, aber sie akzeptierte die Erklärung.

„Also dieses Dummbrot. Den Direktor holen wir uns, das verspreche ich dir. Ich werde mit dem Duke drüber sprechen, verlass dich auf mich. So kommt der nicht damit davon. Den Arm werden wir für Dich zurück erobern. Meinst du, der Ventus weiß was von den Tattoos?“

Blanca erschrak. Daran hatte sie ja noch gar nicht gedacht. „Um Himmels willen. Was, wenn er kommt und mich auch noch holen und ausstellen will?“

„Bist du des Wahnsinns? Das lässt sie doch nie im Leben zu. Mina meine ich. Du bist doch die Besondere, die zwölfte und letzte Albino. Nie im Leben würde sie erlauben, dass jemand anders dich hat.“

Blanca widersprach. Mina war diejenige, die sie letztes Jahr gejagt hatte, verfolgt und diskreditiert hat, sie verfolgt und angeschossen hat und fast getötet hätte. Sie hat sie eingesperrt, und zugelassen, dass sie nicht medizinisch versorgt werden konnte, was fürchterliche Entstellungen und die Amputation ihres Arms zur Folge hatte.

„Diese Frau wird für mich keinen Finger krumm machen. Sieh mich doch an. Ihr hab ich das alles zu verdanken. Weißt du nicht mehr?“

„Naja, immerhin haben wir gegen sie gearbeitet, ein wenig Nachsicht muss man schon haben. Sie wusste ja nicht was wir vorhaben und sie musste doch davon ausgehen, dass wir Verräter waren. Und sie hat dich jedenfalls nicht sterben lassen. Sie hat dir das Gegengift gegeben und dich heilen lassen. Das ist schon was, für Mina. Bei anderen war sie nicht so gnädig. Also für ihre Verhältnisse könnte man fast sagen, dass sie gütig zu dir war. Also wie gesagt – für ihre Verhältnisse.“

Blanca war mit ihren Gedanken noch beim Direktor, über Mina wollte sie heute nicht mehr weiter nachdenken. „Nein, ich glaub nicht, dass der Direktor was weiß. Sonst hätte er sicherlich noch mehr Trara drum gemacht und ich hätte sicher schon Paparazzi an den Fersen heften. Ich glaube, der wollte echt nur den Arm. Aber die haben dort sehr viel Schwarzlicht im Museum. Wenn der Arm einmal drin ist, sehen das alle.“

Komm wir gehen. Ich kann Fragen über meinen Bart heute beim besten Willen nicht mehr hören. Blanca folgte ihm, sie war auch froh dort rauszukommen, sie war sehr auffällig mit ihrem hell erleuchteten Outfit. Aber Mike hatte Recht behalten, es war nicht zu sehen, welches Geheimnis sich darunter verbarg.

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Hier im Aquarium gab es echt viel UV Licht.

Nur gut, dass nichts durch Blancas Anzug durchleuchtet. Dafür leuchtete sie als Ganzes. Und daher blieb sie auch nicht unbemerkt. Nachdem sich immer wieder Stadtpromis im Aquarium herumtrieben lungerten auch immer ein paar Reporter dort herum, auf der Pirsch nach Storys und Fotos. Einer der Reporter stürmte auf sie zu und bat sie um ein Foto, noch ehe sie nein sagen konnte, war es bereits im Kasten und eine andere Reporterin hielt ihr den Legpad vors Gesicht.

„Warum haben Sie sich dazu entschlossen, ihren Arm im Museum ausstellen zu lassen. Der Direktor sagt, es war ein harter Kampf, sie davon zu überzeugen ihn dem Museum zur Verfügung zu stellen.“ Blanca war völlig überrumpelt und wusste nicht, was sie antworten sollte, am liebsten hätte sie erst dem einen die Kamera und dann ihr das Legpad aus der Hand gerissen und dann beiden eine verpasst. Noch bevor irgendetwas davon geschehen konnte, hatte sie Mike aus dem Lokal ins Freie gezogen. Beide schimpften mürrisch vor sich hin. Blanca leuchtete von allen Werbeschirmen. Überall wurde die neue Ausstellung angekündigt.

„Na, siehst du. Jetzt hat er ihn. Hat wirklich nicht lange gedauert.“ Sie war enttäuscht. Irgendwie hatte sie immer noch gehofft, der Dieb und der Direktor hätte nichts mit einander zu tun. Mike versuchte, sie zu trösten, als ihnen das Treiben auffiel.

Auf der Straße demonstrierten Menschenmengen. Eigentlich war nicht klar ersichtlich wofür oder wogegen. Sie wollten alle nur Dampf ablassen, über ihre Unzufriedenheit mit dem System, über ihre Angst, keine Perspektive zu haben, und hier eingepfercht auf immer zu sein, ohne Chance, irgendwann auf Resterde ein neues Leben beginnen zu können. Kein Wunder, nach fünfzig Jahren im Exil. Und gerade in den Wintermonaten, wo die Jetball Saison noch nicht gestartet hatte, waren die Gemüter schneller erhitzt, als in den Sommermonaten, wenn die Privilegierten auf den Tribünen brüllen und Richtung der gegnerischen Mannschaft schimpfen konnten.

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Ihre Legpads blinkten.

Ein unverkennbares Zeichen für einen Bereitschaftseinsatz. Blanca gähnte. „Echt jetzt? Ich bin total müde und geschlaucht. Wir haben doch nicht einmal Bereitschaft. Sollen sich doch die anderen drum kümmern. Ach komm, wird schon nicht so viel sein. Besser, als irgendwer bringt wieder einen Neobioten um die Ecke.“

Mike zog seinen Legpad aus dem Halfter und bestätigte den Call. „Mann, wie sehr ich mir wünschte, mein Motorrad wäre da. Immer auf dieses blöde Board steigen. Ich hasse es.“ Beide zogen Ihre Boards aus dem Rucksack und stellten sich drauf. Dann fuhren sie zum Central Processing Tower um zu hören, was es wichtiges gab.

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