Kapitel 11: Was jetzt abgeht erfordert drastische Maßnahmen: Mina kehrt zurück.

Arian war sturzbetrunken als er nach Mitternacht nach Hause wackelte. Er hatte sich mit den Freunden getroffen und die Abreise vorbereitet. Nur noch wenige Tage trennten sie von der so lange erhofften Heimkehr nach Resterde. Er als Kapitän des U-Bootes war eine wichtige Person und alle verließen sich darauf, dass er ihr U-Boot aus dem gut gehüteten Versteck unbeschadet ausparkte und wohlbehalten in Richtung heimwärts steuerte. Er war glücklich darüber, wichtig zu sein. Die lange Zeit auf Usguard war er ein Niemand. Unbeachtet, eher noch verpönt und als Neobiot verfolgt. Endlich erlangte er seinen Glanz und seine Ehre zurück. Auf das hatte er getrunken. Ein paar zu viel, wie es schien, denn fast hätte er eine Bank gerammt.

Es war kalt und windig, aber dank des Vollmondes schön hell. Er hielt sich seine Jacke zu und fror trotz seines alkoholisierten Zustandes. Es schien, als würde ihn jemand verfolgen. Vielleicht verursachte dieses unangenehme Gefühl das Frösteln. Er ging etwas schneller, um zu sehen, ob der vermeintliche Verfolger hinter ihm blieb und tatsächlich. Als er abbog, bog auch der Schatten hinter ihm ab und blieb ihm an den Fersen. Arian touchierte schwer mit einer Container-Ecke und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die rechte Schulter. „Mann, das tut jetzt mit dem vielen Alkohol schon so weh. Wie wird das erst morgen aussehen?“ dachte er sich, nichts ahnend, dass er am nächsten Tag gar nichts mehr spüren würde. Er ging weiter, wurde dabei immer schneller und knöchelte um, als er ein Übergangsprofil am Gehsteig übersah. Jetzt schmerzte das Sprunggelenk auch noch. Er geriet ein wenig in Panik, weil immer noch jemand dicht hinter ihm war und er nicht wusste, was das sollte. Er wollte schnell ins schützende Stiegenhaus und in sein Apartment. Er humpelte so schnell er konnte. Im Stiegenhaus stürzte er erneut, die Treppe hinauf. Es hatte ihm einen Stich im Knöchel gegeben der ihn kurz den Atem anhalten ließ. Der Fuß wurde schwach und gab nach und der fehlende Gleichgewichtssinn erledigte den Rest. Schon lag er da, die Knie auf den scharfen Kanten der metallenen Treppe aufgeschürft, im Flur seines Containerhauses.

„Wie gut, dass es in den Fluren der Häuser keine Kameras gibt.“ Hörte er von hinten flüstern. Dann spürte er, wie eine Plastiktüte über seinen Kopf gestülpt wurde und um seinen Hals zugezogen wurde.

kap11-killer

Er holt reflexartig tief Luft. Besser gesagt, er wollte tief Luft holen, aber beim ersten Atemzug unter der Kunststoffglocke fühlte er, dass diese mit etwas Staubigem gefüllt war. Er fühlte es in den Augen in der Nase und sofort in den Atemwegen. Er fühlte noch, wie die Augen tränten, hob instinktiv die Hände um die Augen zu reiben, setzte an zu husten, aber aufgrund der fehlenden Luft konnte er nicht richtig Husten. Er fühlte, wie sich seine Lunge, seine Bronchien und Nebenhöhlen mit dieser pudrigen Substanz füllten, alles verengte sich und schmerzte, er krümmte sich, schlug um sich, brach aber mit schmerzender Schulter, schmerzendem Fuß und Knien zusammen und kämpfte nicht lange.

Sein Mörder wartete, bis er sich nicht mehr bewegte. Er sah sich vorsichtig um, um sicher zu gehen, dass niemand in der Nähe war. Dann zog er seinem Opfer den Sack vom Gesicht und zog ihn die Stiege hoch bis zu seiner Wohnung. Er lehnte ihn sitzend gegen die Eingangstüre. Dann überschüttete er ihn mit Mineralsalzen und stopfte ihm nach gewohnter Manier Tabletten in den Mund, in die Nase und Ohren. Dann sprühte er Worte an die Wand und quer über die Wohnungstüre vor der Arian lehnte: „Was ergibt nun die Antlitz Analyse des Captains?“

Der Mörder begutachtete und kontrollierte den Schauplatz. Er nickte und war mit seinem Werk zufrieden. Dann packte er Tüte und Schachteln der Tabletten ein und holte eine Isoliermatte und eine Decke aus. Er hatte vor, sich einen Platz im Haus zu suchen, wo er in Ruhe übernachten konnte. Es war kalt, aber er konnte das Haus jetzt nicht verlassen. Denn er wusste, wenn er jetzt rausging, erfassten ihn die e-eyes sofort und es war naheliegend, dass die Protektoren bei ihren Ermittlungen checken würden, wer etwa zur Tatzeit den Tatort verließ und unangenehme Nachforschungen anstellen würden.

Um sich vor diesen Komplikationen zu drücken war es besser, die Nacht hier zu verbringen, und am Morgen mit den anderen Bewohnern einfach raus zu spazieren. Soweit der Plan. Er ging ganz nach oben, und kauerte sich in die letzte Ecke des Flurs. Er hatte gut recherchiert. Der Bewohner von Apartment 90 verließ um 5:00 früh als erster das Haus. Er würde vermutlich derjenige sein, der die Leiche finden würde. Sollte sich zwischenzeitlich etwas im Haus tun, so würden die ihn hier hinten nicht sehen können. Er musste also nur um 4:45 zusammenpacken und sich weiter unten verstecken, den Bewohner aus Apartment 90 an ihm vorbei zu lassen und dann wieder nach oben zu gehen und bis 6:00 zu warten, bis alle das Haus verließen um mit ihnen hinaus zu gehen.

Er kauerte sich wie geplant in die Ecke. Und leider schlief er ein. Er wurde geweckt, als jemand mit Füßen nach ihm trat.

„Hey steh auf du Penner.“ Verschlafen und komplett durchgekühlt sah er auf. Er zog die Kapuze seines Hoodys weit ins Gesicht und sah seinen Peiniger durch seine Kontaktlinsen an. Rasch packte er Decke und Matte ein und stopfte alles in seinen Rucksack.

„Verschwinde. Du hast hier nichts verloren. Scheiß Neobioten. Ich hol die Protektoren. Na warte.“

Der Bewohner griff nach seinem Legpad und wollte gerade Meldung erstatten, scheinbar war er in seiner Freizeit auch Snooper und hatte die richtige Software schon auf seinem Legpad geöffnet.

Das gehörte nicht zum Plan. Das Verschlafen war nicht vorgesehen. Der Mörder musste improvisieren. Rasch schlug er dem Mann das Legpad aus dem Arm und trat darauf. Er stieß es mit dem Fuß unter dem Metallgeländer hindurch. Dann lief er das Stiegenhaus hinunter, an der Leiche von Arian vorbei hinaus auf die Straße. Dort verschwand er im schon beginnenden Frühmorgen Verkehr und den Berufstätigen, die unterwegs zu ihren Arbeitsplätzen waren.

Der Bewohner von Apartment 90 schimpfte und fluchte vor sich hin. Er sah das Stiegenhaus hinunter und vermutete ganz unten sein zertrümmertes Legpad. Er verschloss seine Türe und stapfte hinunter. Er sah Arian vor seiner Wohnung sitzen.

„Was ist heute nur los? Ist da ein Pennertreffen bei uns im Haus? Da sitzt ja noch einer.“ Er schubste ihn leicht mit den Füßen an und erkannte Arian. Er kannte ihn zwar nur flüchtig, wusste aber, dass er im Haus wohnte und sie Nachbarn waren. Sein Tonfall wurde zwar sanfter, aber nur etwas. Freundlich war er immer noch nicht.

„Wohl zu betrunken zum Aufsperren gewesen, hä? Heute war wohl Vollmond. Da sind wieder alle Verrückten unterwegs.“ Als er um Arian herumgegangen war und sich zu ihm runterbeugen wollte, um ihm genussvoll eine Ohrfeige zu verpassen, mit der Begründung es natürlich nur gut zu meinen, bemerkte er was los war. Er sah die weißen Tabletten aus Arian herausquellen, und er sah, dass er tot war. Er zuckte zurück. Als er ein paar Schritte zurück machte, fiel ihm auch die Schrift auf. „Was ergibt nun die Antlitz Analyse des Captains?“

„Hä? Was soll das denn? Oh Shit!“ Er wollte nach seinem Legpad greifen, die erinnerte sich, dass das ganz unten im Stiegenhaus lag. Er lief weiter hinunter und fand nur noch Scherben vor.

„Mist. Jetzt brauch ich schon wieder ein Neues.“ Er hatte in letzter Zeit einen ziemlichen Verschleiß und wusste, dass wieder ein paar Lob Einheiten, die er eigentlich für etwas anderes vorgesehen hatte, daran glauben würden müssen. Er fluchte wieder vor sich hin und wusste, das war heute nicht sein Tag. Er klopfte den Nachbarn, der neben Arian wohnte, heraus. Er musste relativ lange an die Türe hämmern, bis geöffnet wurde.

Unfreundlich lugte ein älterer Mann durch den Türspalt, den die Sicherheitstüre erlaubte.

„Sehen sie sich das an. Ein Toter. Wir müssen die Protektoren holen.“ Aufgeregt fuchtelte der Mann aus Apartment 90 herum. Der Nachbar von Arian ahnte, dass etwas nicht stimmte und schätzte, nachdem er den Nachbarn von ganz oben erkannt hatte, die Situation als ungefährlich aber interessant ein. Er öffnete ganz. Neugierig lugte er nach links und die Leiche von Arian am Boden sitzen.

„Du meine Güte. Haben Sie denn schon das System verständigt?“ schrie er.

„Nein, kann ich doch nicht. Sonst hätte ich sie doch nicht gebraucht. Sie müssen das tun.“ Schrie dieser zurück.

„Was hab ich denn damit zu tun? Ich will nicht mit dem System anstreifen. Halten sie mich da raus.“ Der Nachbar wollte schon wieder verschwinden, als ihn der andere aufklärte, dass es dafür wohl zu spät sei und er nicht zu glauben brauche, dass er bei der polizeilichen Ermittlung nicht verhört werden würde.

„Die Nachbarn werden immer gefragt, ob sie nichts Verdächtiges gehört hätten. Sehen Sie denn keine Serien?“

Der ältere Nachbar hielt kurz inne, sah schließlich ein, dass er nichts mehr zu gewinnen hatte und rief die Protektoren. Während beide kreidebleich auf die Leiche von Arian starrten, gesellten sich immer mehr Bewohner des Hauses zu ihnen und die Aufregung war groß. Das dritte Mordopfer auf Usguard ließ niemanden mehr kalt. Selbst die Zweifler unter ihnen wussten nun, dass ein Serienmörder in der Stadt sein Unwesen trieb. Viele waren beruhigt darüber, dass es bisher nur zwei Neobioten und ein Dealer waren, die es getroffen hatte. Es hatte also sozusagen noch niemand „Anständigen“ erwischt. Dennoch hatte niemand gerne Leichen, Systemmitarbeiter und polizeiliche Ermittlungen in seinem direkten Umfeld. Die Stadt war klein genug und Intimsphäre kaum gegeben. Jeder war froh, so unauffällig wie möglich zu bleiben, ein Mordfall im eigenen Haus verhieß da nichts Gutes. Und die Aufschrift: „Was ergibt nun die Antlitz Analyse des Captains?“ würde in der ganzen Stadt für Gesprächsstoff sorgen. Das war sicher. In den nächsten Wochen würde wohl niemand mehr Privatsphäre haben, in Usguard.

Als Mike und Blanca im Office ankamen, dämmerte der Morgen bereits. Es war ungewöhnlich viel los für diese Zeit. Von allen Seiten sah man System Mitarbeiter zum Central Processing Tower strömen. Der ganze Turm war hell erleuchtet und drinnen wuselte alles wild durcheinander.

Blanca stieg von ihrem Board ab und hängte es sich lässig um die Schulter. Mike ließ es mit einer schwungvollen Bewegung gekonnt in einem schmalen Rückenschlitz seiner Jacke verschwinden.

„Na Mike, was ist mit deinem Bike. Werden wir das jemals wieder sehen?“ fragte ihn Olivo, ein langjähriger Kollege. Mike zuckte die Achseln und antwortete nicht darauf, er wusste ja selbst nicht, ob er das fehlende Ersatzteil auf der auftreiben konnte.

Als sie die Aula betraten, war sie wirklich gut gefüllt, viele System Mitarbeiter waren dem Bereitschaftscall gefolgt. Irgend etwas Arges musste passiert sein. Auch Mina und der Coach waren mitten drin.

Schon kurze Zeit später sprach Mina wieder in ihr Mikrophon: Danke, dass ihr zu so später oder besser gesagt so früher Stunde meiner Aufforderung in die Zentrale gekommen seid. Vor wenigen Minuten wurde erneut eine Leiche gefunden. Die dritte innerhalb kürzester Zeit.“ Sie musste unterbrechen, denn Unruhe kam auf. Die Menge murmelte und sie sah viele entsetzte Gesichter unter den Mitarbeitern.

Mina versuchte zu besänftigen und wartete bis wieder Ruhe eingekehrt war.

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„Die Unruhe in der Stadt wird immer größer. Ich habe daher beschlossen Personal aufzustocken und die Wochenarbeitszeit zu verlängern. Wir müssen alles tun, die Morde aufzuklären und die Situation rasch wieder unter Kontrolle zu bringen. Als Aufwandsentschädigung erhaltet ihr tausend Lobeinheiten.

Um das Volk abzulenken und zu beschäftigen werde ich ein Gewinnspiel initiieren. Wie alle hier wissen, bin ich immer noch auf der Suche nach der Zwölf. Ebenfalls tausend Lob Einheiten bekommen jene, die zielführende Hinweise zur Lösung des Rätsels liefert. Bitte macht euch alle sofort an eure Arbeit. Danke und uns allen viel Erfolg.“

Mina stöckelte von der Bühne und verschwand wieder.

Die versammelte Masse war beeindruckt. Viele nickten anerkennend. „Als ob sie nie weg gewesen wäre.“ Sagten die einen.

„Das taube Nüsschen von Privatschnüffler hat ihr wohl gute neue Ideen eingeflüstert.“ Sagte Mike.

„Das mit der Prämie find ich aber ganz gut.“ Antwortete Isadora.

„Auch das Aufstocken von uns Protektoren ist höchste Zeit. Zwölf sind gerade Mal ausreichend, wenn wir uns um Alltägliches kümmern müssen. Aber keinesfalls in so einer Situation.“ Sagte Danara.

„Na dann, ab nach Hause, kurz frisch machen und los geht’s. Ich freu mich drauf.“ Blanca gähnte. Sie war hundemüde und konnte es nicht glauben, dass sie jetzt nicht schlafen gehen durfte.

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