Kapitel 12: Was? Wir sollen alle in Gefahr sein? Es weiß doch niemand von uns….

Immer in Zeiten der Krise besinnt man sich der eigenen Werte. Man zieht sich in den Kreis der Familie und zu Gleichgesinnten zurück und schimpft auf alle, die anders sind. Man findet Gründe über Gründe, warum sie Schuld an allem sind und würde am liebsten zur Selbstjustiz schreiten, um die Schuldigen gleich zur Verantwortung zu ziehen, bevor sie ungestraft davonkommen.

Genau das, passierte gerade auf Usguard. Die Wissenschaftler tobten gegen die Neobioten. Die Neobioten wetterten gegen die Systemmitarbeiter. Die Systemmitarbeiter schimpften auf die Opposition. Die Opposition gaben natürlich Mina und ihrem System an allem Schuld. Die Arbeiter in den Gärten schimpften die Metallarbeiter und diese sahen die Wurzel allen Übels in den Wissenschaftlern. Die Unterhaltungsindustrie verurteilte die Stadterhaltung, und die Stadterhaltung  ließ kein gutes Haar an den Stadterbauern, die sowieso alles falsch gemacht hatten. Nachdem es die aber nicht mehr gab, war hier das Konfliktpotenzial nicht ganz so groß wie überall sonst.

Mike und Blanca wollten und konnten nicht Partei ergreifen, immerhin waren sie dem System verpflichtet, mit der Opposition verbündet, mit Neobioten befreundet, mit Wissenschaftlern verwandt, mit Kellnern gut bekannt und von Stadterbauern protegiert. Es war nicht leicht.

Mike mit seinem Bart hatte ohne es zu wollen, eine vorerst gewaltfreie Revolution gestartet, viele Männer nahmen ihre Tabletten nicht mehr und ließen den Bart stehen als Zeichen des Widerstandes und der Unzufriedenheit.

Es schien, als ob die ganze Stadt unterwegs war und jede Gelegenheit nutzte, sich mit jemanden anzulegen. Überall standen Männer und Frauen zusammen, schimpften und fluchten und wann immer eine Gruppe eines anderen Standes zu sehen war, wurde gebrüllt, gebuht, gedroht und man zeigte sich unanständige Gesten.

Auch wenn Mina dem Trinkwasser schon viel mehr Credo als sonst zusetzte als, Credo so nannte sie das Beruhigungsmittel, das sie dem Volk täglich in kleinen Dosen verabreichte, im Moment bewirkte das gar nichts.

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Mike und Blanca beobachteten das Chaos rings um sie. An Mina konnte man herumnörgeln und meckern so viel man wollte, aber eines musste man ihr lassen. Sie hatte ein Gespür für Situationen und ein Talent für richtige Entscheidungen. Das Timing für ihr Gewinnspiel hätte besser nicht sein können. Gerade als die Medien begannen, über den neuen Mord zu berichten, schaltete sie sich ein. Der Ausblick auf bessere Wohnmöglichkeiten, eine Dauerkarte fürs Aquarium und die Oper war für viele Motivation genug, ihre Kräfte auf die Suche nach der Zwölf zu fokussieren.

Nur eine kleine Gruppe interessierte sich überhaupt nicht für alles was gerade passierte. Eine kleine Gruppe die abreisen wollte und Usguard und seine Probleme hinter sich lassen wollte. Die Gruppe, die scheinbar gerade in das Visier eines Mörders geraten war und immer kleiner wurde.

Aber wer wusste von ihrem kleinen elitären Kreis. Wer ahnte etwas von ihrem Vorhaben? Wenn es niemand wusste, musste es einer aus ihrer Gruppe sein. Wenn es keiner von ihnen war, wer dann? Wer konnte es auf sie abgesehen haben? Wer hatte sie verraten? Und was wollte er? Wollte er verhindern, dass sie abreisten? Wollte er mit aufs Schiff?

Sie konnten nichts unternehmen, so lange sie die Absichten des Mörders nicht kannten und ihm keinen Deal anbieten konnten. So lange konnten sie jetzt nur hoffen, dass es nicht noch einen von ihnen erwischte.

Lommy sprach eine kurze Nachricht in sein Legpad und sendete sie an Wanka und Zanto. Schon wenige Stunden später trafen sie sich in Joyland. Während Systemmitarbeiter bevorzugt in die Quelle gingen, fand man Neobioten und Privilegierte, die gerne unerkannt blieben im Rednix. Das Rednix war düster und matt, im Gegensatz zur Quelle, die funkelte und glänzte, wo man sich kannte und grüßte. Im Rednix gab es unwirsche Kellnerinnen, und Gäste, die lieber mit sich blieben, als dass sie Ausschau nach bekannten Gesichtern hielten.

Lommy, Zanto und Wanka zogen sich in eine der Nischen zurück und orderten über das Legpad ihre Bestellung. Betreten saßen sie da und sprachen kein Wort, bis der Kellner durch den Vorhang lugte und die drei Wasser und drei Pillen auf dem Tisch ablegte.

„Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.“ Lommy kämpfte mit Tränen und Wut. „Nicht nur, dass wir einen geliebten Freund verloren haben, wir haben nun keinen Kapitän mehr und ich hab das UBoot noch nie gut steuern können. Jetzt, nach diesen Jahren hier, weiß ich wahrscheinlich gar nicht mehr, wie das geht. In 21 Tagen wollten wir hier verschwinden und jetzt hab ich keine Ahnung wie. Am liebsten würde ich morgen schon fahren und keinen Tag länger mehr bleiben. Ich hab ehrlich gesagt Angst um mein Leben. Wie geht’s euch?“ Er sah Zanto und Wanka traurig und ängstlich an, und hoffte auf Zustimmung. Es kam nicht oft vor, dass er sich so öffnete, im Moment fehlte ihm die Kraft, etwas vorzugeben, das er nicht war. Wanke rückte nahe an ihn heran und streichelte ihn zart am Rücken.

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Zanto gab zu, die Situation noch nicht so betrachtet zu haben. Dass genau jemand hinter ihnen, den Besuchern von Resterde her war, fiel ihm in dem Moment auf, als Lommy es sagte, den Zusammenhang hatte er vorher nicht gesehen. „Du meinst, die haben es genau auf uns abgesehen? Also einer von uns beiden könnte noch in Gefahr sein?“

„Nicht einer von uns, wir beide sind in Gefahr. Außer einer von uns ist der Mörder natürlich. Ich weiß eigentlich gar nicht, was mir lieber ist. Ist es einer von uns, muss nur noch einer sterben und wir hatten keinen Verräter, nur einen Mörder unter uns. Ist ein Fremder der Mörder, dann heißt das, wir sind beide in Gefahr und jemand von uns hat getratscht und unser Geheimnis verraten und uns will jemand von außen auslöschen. Auch das gefällt mir nicht wirklich. Habt ihr jemandem von uns und unserem Plan die Insel zu verlassen erzählt?“

„Wieso jemand von uns? Es könnten doch auch Amy, Helgor, Ramos oder Arian gewesen sein. Es kommen mittlerweile viele in Frage, die uns verraten haben könnten.“ Wanka war ein wenig eingeschnappt, dass Lommy auch sie angeschaut hatte, als er die Frage stellte. Sie wollte den Verdacht auf Amy lenken.

„Sollten wir nicht Amy auch anrufen? Sie kommt doch auch mit mit uns und auch sie könnte jemandem davon erzählt haben. Ramos hat sie vor seinem Tod noch eingeladen mit zu kommen und ich denke, sie will. Wir sollten sie also in unseren Kreis aufnehmen. Sie muss übrigens auch schleunigst mit der Immunisierung beginnen, falls es nicht ohnehin schon zu spät ist.“ Lommy gab sein OK und Wanka tippte geschickt und schnell eine Nachricht an Amy ins Legpad. Keine halbe Stunde später, saß Amy mit ihnen am Tisch.

Lommy stellte seine Frage erneut. „Amy, hast du jemanden in unsere Pläne eingeweiht? Wenn keiner von uns der Mörder ist, muss es jemand von außerhalb sein, das heißt irgendjemand weiß von uns und unserem Plan und knöpft sich einen nach dem anderen vor. Wenn man bedenkt, dass wir vor wenigen Wochen noch den Coach, den Dealer, Helgor, Arian, Ramos und eine Krankenschwester hätten mitnehmen wollen und die alle schon tot sind dann kann das kein Zufall sein. Wer also weiß von uns?

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Zanto sprach aus, was auch Lommy dachte. „Helgor könnte aber noch am Leben sein. Vielleicht rächt er sich?“

„Wofür sollte er sich denn rächen wollen?“ fragte Amy ahnungslos und ärgerlich darüber, dass wieder jemand Helgor für etwas verantwortlich machen wollte.

„Ramos hat die Botschaft auf dem Videostick, den er Mina gegeben hat, sagen wir, leicht abgeändert. Eigentlich wurde er deshalb nach Kontumaz geschickt. Und einige Neobioten behaupten ja, er sei nicht tot sondern irrt noch umher.“ Amy war entsetzt. Sie atmete tief, um sie drehte sich alles und ihr war schlecht. Sie saß nun also mit jenen sogenannten Freunden am Tisch, die ihren geliebten Mann ausgeliefert hatten. Und obwohl sie den Verdacht hatten, dass er noch lebt, dachten sie nicht mehr daran, ihn mit zu nehmen.

Amy begann abzuwiegen. Wenn sie jetzt eine Szene machte, war der Platz am Boot dahin. Sie würden sie rauswerfen und  sie würde ihren Shuttle zu Resterde verpassen. Sie saß eindeutig am kürzeren Ast. Sie ließ es also über sich ergehen und machte gute Miene zum bösen Spiel. Kurz angebunden beantwortete sie die Frage.

„Nein, ich hab nichts und niemanden eingeweiht. Aber fragt doch mal Wanka, ob sie nicht doch etwas zuhause erzählt hat? Ich kenne sie. Ohne Papas Erlaubnis würde sie doch niemals aufbrechen. Ist es nicht so, Wanka?“ Sie sah ihre um Ecken jüngere Mitreisende scharf an. Und mit Tränen in den Augen und völlig beleidigt antwortete diese:

„Ich hab nichts erzählt. Niemandem.“

Na hoffentlich. Deinem gestörten Vater trau ich nicht. Was er jetzt gerade mit dem Arm von dieser Protektorin aufführt, ist ja auch der blanke Wahnsinn. Wer macht denn sowas?“ Er sah Wanka vorwurfsvoll an.

„Ich weiß, das war nicht in Ordnung. Aber er muss ja auch ans Geschäft denken. Die Leute brauchen Abwechslung und Action und er muss immer wieder Attraktionen ausstellen um seine Stellung zu halten. So ist das Business.“

„Hört jetzt auf zu streiten, das bringt uns nicht weiter. Je mehr wir uns mit uns selbst beschäftigen, ein umso einfacheres Ziel sind wir. Wer auch immer es auf uns abgesehen hat, er wird nicht aufhören, bevor er uns alle hat.

„Solltet ihr euch nicht vielleicht lieber den Protektoren anvertrauen? Sie könnten euch beschützen. Besser, als ihr euch gegenseitig.“ Wanka machte sich sorgen um Lommy.

„Spinnst du?“ fragte Zanto. „Meinst du ich will die wenigen Tage bis zur Abreise noch etwas risikieren? Wir können doch keine Systemmitarbeiter einweihen.“

„Du hast ja Recht, ich wollte nur helfen. Es war nicht böse gemeint. Ich mache mir eben auch Sorgen um euch.“ Dann schwieg sie. Auch sie wusste, dass sei im Moment auf dünnem Eis unterwegs war und niemand wollte seine Mitfahrgelegenheit, weg von Usguard in ein neues Leben aufs Spiel setzen. Zu verlockend war das Angebot, endlich von hier weg zu kommen.

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„Ich würde mal sagen, das „euch“ ist ganz schön verwegen. Wer sagt denn, dass du nicht mittlerweile auch auf dem Radar des Mörders bist? Du willst ja auch von der Insel runter. Je nachdem, welche Ziele er oder sie verfolgt, alle, wie wir hier sitzen, sind in Gefahr. Also fühl dich ja nicht zu sicher, Amy.“ Lommys Worte trafen Amy und Wonka ziemlich hart. Aber wo er Recht hat, hat er Recht.

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