Kapitel 14: Eve in den Fängen der Scharlatane. Wird sie das überleben?

Amy trank mit ihrer Freundin Urna Tee. Sie unterhielten sich über ihre Männer und Amy erzählte aufgeregt die Geschichte, als auf einmal Helgor vor ihrer Türe stand und genauso schnell wieder verschwunden war. Ihr Legpad vibrierte und Amy las die Nachricht von Eve. Sie wollte auf einen Besuch vorbeikommen und nachdem Urna nichts dagegen hatte, schickte Amy eine Einladung an Eve. Urnas Mann Irsel war Pendler und Rutengeher, er und Helgor kannten sich gut und waren befreundet. Urna war froh darüber, dass Helgor noch am Leben war und sich endlich gemeldet hatte. Sie waren alle in große Sorge um ihn und litten mit Amy. Endlich ein Grund zur Freude.

Eve gesellte sich nur kurze Zeit später zu den beiden.

Etwas abgekämpft setzte sie sich an den Tisch und nahm den angebotenen Tee gerne an. Sie erzählte davon, heute ganz entfernt ein Schiff wahrgenommen zu haben.

kap14-amy„Es war ein bisschen wie eine Fata Morgana. Was ich halt darüber gelesen habe. Es schillerte und war verschwommen. Aber es war eindeutig etwas zu erkennen. Ich bin sicher, dass da ein Schiff gefahren ist. Die Leute in Usguard müssen das erfahren. Ich bin sicher, da draußen ist wieder jemand. Die könnten uns hier abholen und uns aufs Land bringen.“

Amy wurde es ganz flau im Magen.

Sie durfte niemandem erzählen, was sie alles wusste und bedauerte es, die Freundinnen im Unklaren lassen zu müssen.

„Ach, wie soll da draußen was sein. Wir sind jetzt grade mal 50 Jahre hier. Die können sich noch nicht wieder erholt haben, von dem Schaden, den sie vor der Evakuierung angerichtet haben. Vielleicht war es die Spiegelung einer Wolke, die du gesehen hast.“

Eve ging nicht weiter darauf ein und begann ich über Mike zu beklagen und dass ihre Beziehung derzeit so schlecht lief. Die Freundinnen versuchten sie zu trösten und aufzumuntern und forderten sie auf, Verständnis zu zeigen, da doch die Entwässerung seiner Eltern unmittelbar bevorstand. „Das kann einen schon verändern. Geliebte Menschen zu verlieren ist das Schlimmste, das es gibt. Passiert es plötzlich, muss man sich mit einer Gegebenheit abfinden. Passiert es angekündigt, unvorstellbar. Ich will mir gar nicht vorstellen, was Mike jetzt durchmachen muss.“ Amy zeigte sich empathisch. Sie war sehr sensibel und mitfühlend, deshalb war sie auch so beliebt und jeder wollte sich bei ihr ausweinen. Sie fand immer die richtigen Worte und spendete Trost.

„Ich finde es so schön, dass wir drei so zusammensitzen. Zwei von uns, eine von der Opposition und gleichzeitig Freundin von einem vom System.“ Urna kicherte. Ihr war es nicht ganz geheuer, dass Eve so zwanglos bei zwei Straftäterinnen am Tisch saß.

„Ich muss gestehen, ich bin nicht ganz uneigennützig hier. Mich hat ein Problem zu euch geführt.“ beichtete Eve.

„Was ist denn meine Liebe?“ Amy legte ihre Hand auf Eves Unterarm und sah sie warm an. „Was können wir für Dich tun?“

Eve erzählte von starken Kopf und Ohrenschmerzen,

einem Ziehen im Hals und vermindertem Hörvermögen.

„Es sticht wo, wenn ich das Ohr berühre. Und fiebrig fühle ich mich auch.“ Eve  sah die beiden hilfesuchend an.

„Das hört sich aber nicht gut an. Und es könnte eine Erklärung für das Schiff sein, dass du gesehen hast. Das Gehirn kann einem manchmal lustige Dinge vorspielen, wenn man krank ist. Du solltest dringend die Mediziner aufsuchen und dann ab ins Bett.“ Amy fühlte mit der Hand die Temperatur an Eves Stirn. „Du bist ja ganz heiß.“

„Ich will nicht zu den Medizinern. Dann ist das wieder aktenkundig, schlimmstenfalls behalten die mich auf der Quarantänestation. „Du weißt doch, wie übervorsichtig die sind, wenn sie den Verdacht haben, es könnte etwas Ansteckendes sein.“ Eve wehrte sich vehement dagegen, obwohl es in ihrer Situation gar nicht so schlecht gewesen wäre, wenn sie sich ein wenig aus dem Spiel genommen hätte. Viele waren böse auf sie, weil wegen ihrer Unachtsamkeit Blancas Arm verloren ging.

„Ach lass sie doch.“ schaltete sich Urna ein. „Da finden wir schon etwas, das hilft. Ich könnte mir gut vorstellen, dass eine Kombination aus dem 3er und 4er, 6er und 7er und ein wenig 14er Salz helfen könnte. Am besten noch in Kombination mit ein wenig Calcium carbonicum. Damit bekommst du auch deine Ohrenentzündung in den Griff.“

Amy nahm Urna zur Seite. „Du kannst ihr doch nicht bei diesem Fieber einfach nur deine Salze verordnen. Die muss zum Arzt und braucht dringend Medizin. Sieh sie dir doh nur an. Sie schwitzt und hat Fieber.“

„Aber wo.“ entgegnete Urna. „Was bist denn du für eine? Wir verkaufen unsere Medizin und du glaubst selbst nicht daran?“

„Ich glaube daran als Ergänzung, als Unterstützung und psychische Stütze. Aber doch nicht als alleiniges Mittel.“

Urna schüttelte den Kopf. „Komm Kindchen, hör nicht auf sie. Ich weiß nicht, was heute mit ihr los ist. Du bist in guten Händen. Ich werde dir helfen. Wir schauen zu mir, es ist nicht weit. Dann stelle ich dir etwas zusammen, das dich gesund macht.“ Eve sah Amy unsicher an aber Amy erwiderte ihren Blick nicht.

„Macht doch, was ihr wollt. Ist ja eure Sache.“ sagte sie und verabschiedete die beiden.

Etwa zwei Stunden später holte Mike seine Freundin von der genannten Adresse ab.

Sie waren wieder bei seinen Eltern eingeladen und Eve war unsicher, dort alleine zu aufzukreuzen.

„Es macht dir doch nichts, dass du mich abholst? Mir ist es lieber, wenn wir gemeinsam ankommen. Ich kenne doch deine Eltern noch nicht so gut.“

„Viel besser wirst du sie auch nicht mehr kennen lernen.“ erwiderte Mike kalt und Eve drehte ob seiner miesen Laune die Augen über.

„Was hast du hier gemacht? In diese Ecke komme ich eher selten, hier wimmelt es angeblich nur so von Neobioten. Wenn ich hier anfange mich umzuschauen, müssen sich einige Leute in Acht nehmen. Und du mitten drin?“

Eve zog das Fläschchen mit den Pillen aus der Tasche

und erzählte Mike, dass sie sich etwas wegen ihrer Ohrenschmerzen besorgen musste. Mike geriet außer sich. Er begann sie zu schimpfen, hielt ihr einen Vortrag über die 12 Gesetzte der Stadt  und dass sie als seine Freundin sowas doch nicht machen konnte.

„Du weißt genau, dass wir von der Opposition die 2 neuen Gesetze nicht anerkennen. Für mich ist das nichts Illegales. Und ich brauche etwas gegen meine Schmerzen.“

„Dann geh doch zu den Medizinern. Die können dir wirklich helfen. Wofür stecken wir in der Stadt so viel Zeit und Geld in richtige Forschung, wenn Leute wie du, dann so ein nutzloses Zeug einwerfen?“

Sie stritten sich die ganze Fahrt bis zu den Eltern. Als die Eltern öffneten, setzten sie ein bemühtes Lächeln auf, grüßten freundlich und setzten sich. Doch Mike konnte die Sache nicht lange auf sich beruhen lassen. Er verpetzte Eve bei seinen Eltern.

„Ihr müsst mir helfen. Eve war heute bei einer Neobiotin und hat sich weiße Kügelchen gegen ihre Ohrenschmerzen geholt. Sie findet nichts falsches dran. Bitte erklärt ihr ihr, was daran falsch ist und warum das nutzlos ist.“

„Das ist nicht nutzlos. Anderen hilft das auch. Sogar bei Kindern hilft das und Studien von früher belegen, dass es sogar bei Tieren geholfen hat. Wie soll es da nutzlos sein? Und mir hilft es auch bereits. Mir geht es schon viel besser.“ Eve zog provokativ das Fläschchen heraus und nahm 3 der kleinen Pillen.

„Also Eve, du enttäuscht mich so sehr. Ich hatte dich wirklich für intelligenter gehalten. Du hast doch schon einmal vom Placebo Effekt gehört. Wenn jetzt die Eltern oder die Tierhalter daran glauben, wirkt der Placebo Effekt doch über die. Sie verhalten sich anders, sind optimistischer und zuversichtlicher und das wirkt auf Kind und Tier. Aber eben nur vermeintlich. Es behebt nicht die Ursache und den Krankheitsherd. Es beruhigt ein wenig und das hilft kurz gegen die Symptome. Das wars. Mehr ist da nicht. Aber das ist doch bekannt und du brauchst uns nicht, um dir das zu sagen.“

Andal war sehr entsetzt,  über das Verhalten von Eve.

„Jeder weiß, dass der Mensch unentwegt nach Bestätigung sucht und sie natürlich auch findet. Wer denkt, alle anderen seien blöd – wird genug Blöde finden. Wer denkt, allen anderen geht’s besser – wird genug Menschen sehen, denen es besser geht. Wer einen Beweis will, dass es allen schlecht geht, wird nur Dinge sehen, die schlecht laufen. Und wenn du eine Bestätigung brauchst, dass dir die Zuckerln helfen, dann wirst du auch die bekommen. Also was soll das. Ich bekomme in letzter Zeit überhaupt den Eindruck, du sabotierst uns. Erst verschlampst du den Arm von Blanca und nun bringst du so ein illegales Zeug zu uns in die Wohnung.“ Gibbi fauchte Eve regelrecht an. Andal rügte sie für die Meldung, denn der Arm von Blanca hatte mit der Sache hier nun wirklich nichts zu tun. Mike aber unterstützte seine Mutter.

„Ach sie hat doch Recht. Ich weiß auch gar nicht mehr, was das hier soll. Auch wenn ihr von der Opposition die 2 Zusatzartikel ablehnt, illegal bleibt es trotzdem. Und damit wollen wir hier nichts zu tun haben. Ich als Systemmitarbeiter müsste dich jetzt eigentlich festnehmen, meine eigene Freundin. Geht’s eigentlich noch? Und meine Eltern setzt du auch einer Gefahr aus, in dem du das hier her bringst. Was denkst du dir eigentlich dabei?“

Mike schaute auf einmal ganz erschrocken.

„Ups. Da fällt mir ein, ich schleppe noch die Probe vom letzten Tatort mit mir herum. Dieser zweite Neobiot wurde ja auch mit Schüssler Salzen ermordet und ich habe noch das Fläschchen mit den Pillen in meiner Jacke eingesteckt. Ich muss die dringend bei uns im Systemlabor abgeben.“

Andal sah seine Chance. Er wollte immer schon einmal eine dieser Pillen in die Hände kriegen, um sie zu untersuchen. Und nun hatte er die Gelegenheit, gleich zwei unterschiedliche Proben zu bekommen. Er nutzte das Streitgespräch zwischen Eve, Mike und Gibbi und erhob sich langsam. Er schlich zur Türe und machte sich gerade an Mikes Jacke zu schaffen, als er seine Frau sagen hörte:

„Eve, ich denke, es ist besser du gehst jetzt. Es tut mir sehr leid. Aber deine Haltung gefällt mir nicht.“

Gibbi warf Eve hinaus.

Das hatte er nicht erwartet. Andal versuchte noch einmal einzulenken und wollte beschwichtigen und erntete dafür einen strengen Blick seines Sohnes und einen noch strengeren Blick seiner Frau. Grund genug für ihn, sich zurückzuhalten und sich nicht weiter einzumischen. Er würde wohl mit einer Probe auskommen müssen. Er verbarg die kleinen Pillen in den Rillen zwischen seinen Fingern und zwickte diese fest zusammen.

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„Nur weil die Wissenschaft noch nicht alles versteht, heißt das nicht, dass es das nicht gibt.“ argumentierte Eve ein weiteres Mal, erhob sich aber und ging zur Türe.

„Ich dachte du hast Ohrenschmerzen. Am besten steckst du dir deine Tabletten in die Ohren. Was Vernünftiges oder die Wahrheit willst du ja ohnehin nicht hören. Und du kannst sie dir eigentlich auch gleich noch sonst wohin stecken.“ Schimpfte ihr Mike nach.

„In die Ohren gehören die Globuli. Und die hab ich da schon drin.“ keifte Eve zurück und Mike, Andal und Gibbi sahen sich entsetzt an. Dann begannen sie alle drei zu lachen und schüttelten nur noch den Kopf.

Eve bekam Tränen in den Augen und ging verletzt und zerknirscht aus der Wohnung. Damit hatte sie heute nicht gerechnet. Es ging ihr so schlecht und sie wollte gehegt und gepflegt werden. Und nun das.

Mike ging kurz nach Eve auch nach Hause und war ziemlich überrascht darüber, dass er eben mit Eve Schluss gemacht hatte. Die Beziehung war nicht mehr das, was sie am Anfang einmal war, aber beendet hätte er sie trotzdem nicht. Schon gar nicht jetzt, vor dem Entwässern seiner Eltern. Aber sowas. Das konnte man einfach nicht durchgehen lassen.

Mike beschloss noch auf einen Abstecher in der Quelle vorbeizuschauen.

Kurz überlegte er, ob er Blanca bescheid geben wollte, doch er ließ es lieber bleiben. Heute war reines Betrinken angesagt. Geredet war heute schon genug worden. Heute wollte er einen Abend mal nur für sich alleine haben. Und Flori war ja auch da, es war ihre Schicht.

Als Mike weg war, beruhigte Andal seine immer noch aufgebrachte Frau. Sie schimpfte und schimpfte und ließ kein gutes Haar an Eve. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Andal drängte zum Aufbruch. Er zeigte Gibbi die Proben, die er sich sozusagen von Mike geborgt hatte.

„Du beklaust unseren Sohn? Seid ihr denn heute alle verrückt geworden?“ Andal musste seine Frau erneut beruhigen. Er bat sie, sich anzuziehen und ihn zu begleiten. Er wollte die Probe so schnell wie möglich zu den Wissenschaftlern bringen. Mike hatte ihnen erlaubt, zu helfen und nun wollte er helfen. Er hatte den Freunden in den Laboren schon bescheid gesagt und sie wurden bereits erwartet.

Gibbi willigte ein. Sie waren gerade auf dem Weg zur Tube, als sich ein  Mann in schwarzem Outfit und Kapuze von hinten näherte. Er steckte den Kopf zwischen den Köpfen der beiden von hinten nach vorne und sagte „Buh.“ dann verschwand er wieder.

Während er wegging, lachte er hysterisch.

Andal wollte ihm nach, doch Gibbi hielt ihn auf.

„Denk an die Proben. Der ist doch um Jahre jünger als du, den holst du nie im Leben ein. Ich bin auch erschrocken, aber wie du selbst sagtest, dafür ist jetzt keine Zeit. Komm, unsere Freunde warten.“

Es war wenig los in der Tube und sie mussten gar nicht anstehen. Ganz alleine bestiegen sie eine Kapsel und schon wenige Sekunden später wurden sie abgefeuert. Doch noch bevor sie die Station auf der anderen Plattform erreichten,

blieben sie stecken.

„Um Himmels willen. Was ist denn jetzt los?“ Gibbi litt unter schrecklicher Klaustrophobie und bekam Hitzewallungen. Doch schon wenig später setzte sich die Tube wieder in Bewegung.

Als sie am anderen Ende der Röhre ausstiegen, drückte ihnen ein Typ in schwarzem Hoodie eine Karte in die Hand und verschwand in der Menge.

Auf der Karte stand in gedruckten Lettern: „Immer schön vorsichtig, ich kann alles.“

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