Kapitel 15: Damals – als wir hier ankamen – niemand hätte sich das alles gedacht….

Gibbi war ziemlich aufgebracht. Sie schimpfte und schimpfte und ließ kein gutes Haar an Eve. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Andal drängte zum Aufbruch. Er zeigte Gibbi die Proben, die er sich sozusagen von Mike und Eve geborgt hatte.

„Du beklaust unseren Sohn? Seid ihr denn neuerdings alle verrückt geworden?“ Andal musste seine Frau erneut beruhigen. Er bat sie, sich anzuziehen und ihn zu begleiten. Er wollte die Probe so schnell wie möglich zu den Wissenschaftlern bringen. Mike hatte ihnen erlaubt, zu helfen und nun wollte er helfen. Er hatte den Freunden in den Laboren schon bescheid gesagt und sie wurden bereits erwartet.

Gibbi willigte ein. Sie waren gerade auf dem Weg zur Tube, als sich ein  Mann in schwarzem Outfit und Kapuze von hinten näherte. Er steckte den Kopf zwischen den Köpfen der beiden von hinten nach vorne und sagte „Buh.“ dann verschwand er wieder.

Während er wegging, lachte er hysterisch.

Andal wollte ihm nach, doch Gibbi hielt ihn auf.

„Denk an die Proben. Der ist doch um Jahre jünger als du, den holst du nie im Leben ein. Ich bin auch erschrocken, aber wie du selbst sagtest, dafür ist jetzt keine Zeit. Komm, unsere Freunde warten.“

Es war wenig los in der Tube und sie mussten gar nicht anstehen. Ganz alleine bestiegen sie eine Kapsel und schon wenige Sekunden später wurden sie abgefeuert. Doch noch bevor sie die Station auf der anderen Plattform erreichten,

blieben sie stecken.

„Um Himmels willen. Was ist denn jetzt los?“ Gibbi litt unter schrecklicher Klaustrophobie und bekam Hitzewallungen. Doch schon wenig später setzte sich die Tube wieder in Bewegung.

Als sie am anderen Ende der Röhre ausstiegen, drückte ihnen ein Typ in schwarzem Hoodie eine Karte in die Hand und verschwand in der Menge.

Auf der Karte stand in gedruckten Lettern: „Immer schön vorsichtig, ich kann alles.“

Gibbi bat Andal um eine Verschnaufpause. Sie schepperte am ganzen Leib.

„Bitte gib mir ein paar Minuten. Ich muss etwas runterkommen, mein Puls ist jenseits des Zählbaren. Ich bin komplett verschwitzt und außer Atem. Bitte lass mir eine kurze Pause, sonst bekomme ich vor unserem Hinrichtungstermin womöglich noch einen Herzinfarkt.“

Andal gewährte seiner Frau natürlich die gewünschte Pause. Er schüttelte den Kopf. „Was für ein Witzbold. Was der wohl von uns will?“

Gibbi zuckte mit den Schultern. „Der kann gar nix von uns wollen. Der kann ja selber alles. Der braucht uns für gar nix. Hat er ja selbst gesagt.“ Sie hielt die Karte, die er ihr in die Hand gedrückt hatte fest zwischen Daumen und Zeigefinger und ihre ganze Hand zitterte. Sie wollte die dunkle Figur so schnell wie möglich vergessen, aber selbst die Schönheit und Farbenpracht, die sich vor ihnen auftat, half ihr nicht dabei.

15-1

Flauna war ein wunderschöner Bezirk. Anders als in den Wohnbezirken waren keine Kunstbäume, sondern echte Bäume aufgestellt. Überall waren Pflanzenkübel mit den unterschiedlichsten Kräutern, Gräsern und Büschen. Er war als selbstversorgendes ökologisches Quartier entworfen worden, mit vertikalen Türmen und integrierten Gemüsegärten. Jede Fläche war mit einem Gitter versehen, an dem Triebe empor ins Licht klettern konnten um die Artenvielfalt zu steigern. Anders als in den Wohnbezirken, die Strom aus Windanlagen auf den Dächern generierten, war hier alles mit Solarpanelen versehen, die den ganzen Tag Sonnenstrahlen einfingen um eine möglichst hohe Stromausbeute aus allen Elementen zu erzielen.

Die normale Bevölkerung durfte nur einmal im Jahr nach Flauna um die Pracht zu bewundern und zu sehen, woraus ihre Nahrungsrationen gemacht wurden.

Die Tabletten, die monatlich abgezählt an sie verteilt wurden um Energiebedarf, Proteine und Vitamine zu decken hatten nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem, was man hier in üppigster Form wachsen und gedeihen sah.

Dort, wo sie die Tube ausgespuckt hatte, war alles in sattes Violett getaucht, Hängepflanzen hingen tief herab und man musste sich beim Gehen schon stellenweise mit den Händen einen Weg durch sie bahnen. Das dunkle Grün der Blätter und die unterschiedlichen Lilafarben wurden nur hin und wieder durch das tiefe Blau der Solarpanele unterbrochen. Die Stille war hier eine andere als anderswo: Das Rieseln der Sprinkleranlage und ein Plätschern hier und dort waren zu hören, sonst vernahm man nur das Rauschen des Meeres.

Im Zentrum des Platzes vor ihnen ragte mächtig, wie in allen anderen Bezirken auch, die Eventualitätensäule empor, auf der die allgegenwärtigen 12 Leitsätze einprägsam eingraviert waren.

Gibbi ließ sich auf einen der Sitzwürfel niederfallen, die den Rand des Platzes einsäumten und rückte ganz auf eine Ecke, damit Andal neben ihr Platz hatte. Nachdem sie beide so schlank waren, war das auch kein Problem. Sie lehnte sich erschöpft an ihren Mann und hängte sich bei ihm ein. Sie schwiegen eine lange Zeit lang doch dann stieß sie ihn mit dem Ellenbogen in die Seite.

„Ich weiß was wir jetzt machen. Wir sind doch erst in einer Stunde mit Lingus verabredet und er wird auch nicht böse sein, wenn wir uns ein wenig verspäten.“ Sie sah erst Andal verschmitzt an und dann hoch auf das Dach des Turmes, vor dem sie zufällig saßen. Es war das einzige Bauwerk der Insel, das beinahe vollständig aus Holz gebaut worden war.

„Weißt du noch?

Es ist fürchterlich lange her.“ Sie bekam ein Funkeln in den Augen und er nickte. Wie könnte er es vergessen, als sie sich vor etwa fünfzig Jahren hier kennen gelernt hatten.

Es war das Jahr 2036, der letzte Eisbär war vor 10 Jahren gestorben, Jakarta war bereits restlos im Meer versunken, aber ein gerade gefundenes, erfolgsversprechendes Heilmittel gegen Genokokken machte Hoffnung. Gutes und schlechtes also, wie es jede Generation erlebt, die Alten hatten panische Angst vor der Apokalypse, die Jungen hatten Spaß am Leben und nahmen es, wie es kam.

Für ihn war klar, dass er Wissenschaftler werden wollte und Innovationen hatten ihn immer schon begeistert. Er war als gerade beginnender, junger Studierender von einem vermögenden Unternehmen, dem VEZUDEN, für ein Projekt angeworben worden. Sie würden die Finanzierung seiner Ausbildung übernehmen, alle Versicherungen abschließen und bezahlen und das Gehalt selbst war auch beachtlich. Aber er müsse sich für fünf Jahre verpflichten. Er dürfe niemanden sagen, woran er arbeitet, für wen er arbeitet und er würde nicht über seinen Standort aufgeklärt werden. Erst war ihm nicht wohl bei der Sache. Aber er hatte seine Eltern früh verloren, war ein Einzelkind und hatte nicht viele Verpflichtungen. Er hatte zwar einige gute Freunde, aber aus Erfahrung wusste er, sobald die mal Familie und Kinder haben würden, wäre er nicht mehr ihre oberste Priorität. Auf wen also sollte er Rücksicht nehmen? Es gab niemanden, der wichtig genug war, dieses hervorragende Angebot auszuschlagen. Also unterschrieb er nach zwanzig Tagen Bedenkzeit. Er hatte nie erfahren, dass es genau diese Attribute seiner Ungebundenheit waren, die ihn zu einem Auserwählten, einem Vorbereiter, machten. Man ließ ihn immer in dem Glauben, sein IQ und seine speziellen Fähigkeiten seien ausschlaggebend gewesen.

Er packte nicht viel ein, es würde ihm ja alles vom VEZUDEN zur Verfügung gestellt werden. Was noch ging, verkaufte er, den Rest spendete und verschenkte er. Die Wohnung gab er auf, wozu fünf Jahre lang Miete bezahlen? Er liebte seine Wohnung, aber 5 Jahre Miete für nichts war sie ihm nicht wert. Er würde eben in fünf Jahren eine neue suchen.

Sie holten ihn mit einer dunklen Limousine ab,

es war fast wie im Film. Nur die Autotüre öffnet ihm leider niemand. Er wurde zu einem kleinen Flughafen gebracht, wo ein Hubschrauber wartete. Dort sah er Gibbi zum ersten Mal. Klein, schlank, blass und nervös stand sie da, so wie die etwa zehn anderen auch, die mit ihm gemeinsam an den geheimen Ort gebracht werden sollten. Sie wurden angewiesen, nicht zu reden, sondern erst dem Video zu folgen, das für sie vorbereitet worden war.

Er saß zum ersten Mal in einem Helikopter. Je vier saßen an jeder Seite, fest angegurtet. Von oben klappten Protektoren herab, die sich fest um ihre Körper und Küpfe schlossen. Sein Rucksack, an den er sich bisher fest geklammert hatte, wurde ihm abgenommen und verstaut. Der Hubschrauber hob ab und er merkte, dass an der Innenseite seines Kopfprotektors das Display einer Virtual Reality Brille angebracht worden war. Er verfolgte aufmerksam den Film der gezeigt wurde. und erfuhr, dass sie Vorreiter waren, die ersten in einer Stadt, die für den Notfall gebaut worden war. Sie müssten dafür sorgen, dass die Stadt überleben konnte. Solange es auch sein musste. Ohne viel Schnickschnack, ohne viel Rohstoffe und ohne viel Maschinen. Alles musste einfach gehen: Reparaturen, Wiederaufbau, Nahrungs- und Kleidungswiederverwertung. Ausbau war nicht vorgesehen, nur der Erhalt. Forschung war essenziell, nur mit neuen Methoden und Techniken würde es möglich sein. Der Hubschrauber warf sie in Flauna raus. Es war die gläserne Plattform. Sie war für Forschung und Aufzucht von Grünpflanzen und Insekten vorgesehen. Viel Tageslicht war wichtig und man hoffte, dass die Forscher mit dem sensiblen Baustoff Glas würden vorsichtig umgehen können. Ihre Quartiere würden in der sogenannten Vorstadt sein, der ersten Plattform, die besiedelt worden war.

Er war überwältigt von dem Anblick.

Er war mitten am Meer, ringsum war kein Land zu sehen. Er hatte so wie alle anderen keine Ahnung, wo auf der Erde sie sich genau befanden, ob es Pazifik, Atlantik oder Nordsee war, aber das war im Moment auch gar nicht wichtig.

Überall tummelten sich geschäftige Menschen, in den Glashäusern war alles grün, und ihr verlorenes Grüppchen stand mittendrin und wartete abgeholt zu werden. Gibbi kam auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. Sie hatte den ersten Schritt gemacht um die Stimmung etwas aufzulockern, alle anderen folgten ihrem Beispiel und in kürzester Zeit war das Eis gebrochen und sie alle mit einander bekannt. Sie waren alle etwa gleich alt, hatten aber alle verschiedene Schwerpunkte: Chemie, Physik, Design, IT, Mechatronik, Medizin, Mikrobiologie, Agraringenierwesen. Dann wurden sie abgeholt und in ihre Labore gebracht. Er und Gibbi waren in benachbarten Räumen untergebracht und von diesem Tag an unzertrennlich. Begonnen hatte alles hier: Auf dem Dach des Turmes vor ihnen.

Er zog an ihren Armen und sie stand auf. „Na los jetzt, komm, fahren wir rauf.“ Er munterte sie auf und sie ließ sich nicht lange bitten und folgte ihm. Sie hielten ihre rechten äußeren Handballen zum Lesegerät und wurden eingelassen. Ihre Chips waren also wirklich immer noch freigeschalten. So war es zwar immer kommuniziert, aber ausprobiert hatten sie es nie. Sie schmunzelten sich an.

Innen war alles noch so wie immer. Wenn die Glaskonstruktionen von außen auch kühl wirkten, das Holzgeflecht in Form zusammenhängender Schneekristalle, das die Innenwand auskleidete, verlieh dem Gebäude eine gemütliche Atmosphäre.

Der Portier nickte ihnen freundlich zu.

Er kannte sie natürlich nicht, aber sein Display zeigte ihm an, dass es ehemalige Forscher waren und er hatte keinen Grund, ihnen den Zugang zu verwehren.

Sie riefen den Lift und stiegen ein. Gibbi drückte die Taste für den siebzehnten Stock. Oben angekommen blies ihnen ein kräftiger Wind entgegen. Der weiße Kreis, der den Hubschrauberlandeplatz markierte, verblasste schon. Nach 2042, nach der großen Katastrophe und der Aktivierung des Notfallplanes war nie wieder ein Hubschrauber auf Usguard gelandet. Wozu also die Linien nachziehen und auffrischen.

Gibbi und Andal stellten sich in die Mitte des Kreises. So waren sie vor 52 Jahren hier auch gestanden. Voller Hoffnung und Abenteuerlust, voller Freude an diesem Projekt mitgestalten zu dürfen. Wie die Zeit vergeht. Gibbi liefen die Tränen übers Gesicht und als Andal seine Frau weinen sah, wurde ihm ganz flau im Magen und auch in seinen Augen sammelten sich Tränen. Sie hielten sich fest umklammert und sahen in die Ferne, aufs Meer hinaus. So wie damals, als sie es nicht fassen konnten, dabei sein zu dürfen.

Nun war ihre Zeit abgelaufen. Nach nur einem Jahr auf Usguard sagte man ihnen, dass es keinen Weg zurück mehr geben würde. Der VEZUDEN, ihr Arbeitgeber, hatte den Krisenplan ausgerufen und begonnen, 250.000 Privilegierte auf die Insel zu evakuieren. Sobald alle eingetroffen sein würden, würden die Hubschrauber die Insel verlassen und es würde keinen Weg mehr zurück geben. Die fünf Jahre, für die sie sich verpflichtet hatten, wären nicht mehr gültig, sagte man ihnen. Es wäre von nun an zu einem Engagemen auf Lebenszeit geworden. Sie könnten sich ja damit trösten, dadurch eine kostenlose Eintrittskarte zur letzten Zufluchtstätte der Menschheit erhalten zu haben.

Nur kurze Zeit später verlas Leo Vincent, der damalige Chef der Stadt die Gesetze und

Regeln, denen sie dadurch verpflichtet waren.

  1. Quäle, ärgere, verletze und töte niemanden. Ihr seid aus dem gleichen Grund hier.
  2. Arbeite und trage zu unserer Weiterentwicklung bei. Wir wollen alle überleben.
  3. Überlebe und konsumiere dein Überlebenspaket. Nutze deine Chance.
  4. Handle nicht und konsumiere keine Drogen. Sonst schadest du uns allen.
  5. Verhüte und lasse deine Fortpflanzung vom System regeln. Es geht um jeden Platz.
  6. Achte auf deinen Biochip. Er hilft uns, dich zu schützen.
  7. Zerstöre nichts und achte das, was wir haben. Sonst ist es unwiderbringlich verloren.
  8. Hinterfrage das System nicht. Die Regeln sind gut durchdacht und wichtig für die Gemeinsachft.
  9. Verbrenne nichts! Ein Feuer auf der Insel ist das Schlimmste, das passieren könnte.
  10. Unterscheide nicht zwischen den Privilegierten. Wir sind alle gleich wichtig.

Verstöße gegen diese Gesetze würden sie nach Kontumaz, die Gefängnisplattform bringen. Je schlimmer das Verbrechen, umso weiter rauf. Jedes Verbrechen war mit Strafpunkten versehen. Beim ersten Vergehen wurde mit eins multipliziert, beim zweiten Mal mit zwei und so weiter. Ab acht Strafpunkten durfte man keine Nachkommen mehr zeugen, ab 16 Strafpunkten würde man exekutiert werden. Die Tochter des Bürgermeisters, Mina, hatte dann Jahre später noch die beiden Zusatzgesetzte 11 und 12 hinzugefügt. Und dann verlas er den Satz mit den Entwässerungen: „Wer das Alter von fünfundsiebzig Jahren erreicht, wird entwässert. Das Wasser wird dem Wasserkreislauf zugeführt und das verbleibende Gewebe wird zu Insektenfutter verarbeitet.“

Andal konnte sich noch gut an die Reaktion der Menge erinnern,

den Schock und das Entsetzen. Es war sofort leise und alle starrten entsetzt auf den Bürgermeister. Jeder hoffte, dass noch ein Zusatz kam, eine Ausflucht, Ausnahmen. Aber es kam nichts. Leo Vincent erklärte, dass ein Überleben der Menschheit nur durch diese drastische Maßnahme sichergestellt werden könne. Zum Wohle aller und so.

Nun, so weit entfernt das alles damals für sie war. Ihre Jahre auf Usguard waren in wenigen Tagen vorüber. Sie mussten Platz für die nächste Generation machen.

Gibbi begann zu frösteln und wischte sich die nassen Wangen trocken. „Wollen wir?“

Andal nickte. Er ließ noch einmal den Blick schweifen und nahm dann seine Frau beider Hand. Der Lift wartete noch und sie stiegen ein. Wortlos fuhren sie hinunter und auch dem Portier fiel auf, dass die beiden nicht mehr die gleichen waren, die hinauf gefahren waren. Irgendetwas hatte sie dort oben verändert. Er drückte einen Knopf und öffnete ihnen die Türe.

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