Kapitel 16: Da schnappt die Falle zu

Schweigend und nachdenklich, ganz langsam Arm in Arm schlenderten Gibbi und Andal über das Gelände. Es war nicht weit zum Turm mit den Laboren, wo sie mit Lingus verabredet waren.

Lingus war der Sohn ihrer guten Freundin Fade. Fade war Botanikerin, ihr Spezialgebiet war es, Pflanzen in die Höhe wachsen zu lassen und vertikale Gärten anzulegen.

Das Ergebnis, das ihr hier in Flauna gelungen ist, war überwältigend.

Der Laborkomplex, den sie gerade betraten, war von einem kunstvollen Edelmetallgitter eingezäunt, das sich Kletterpflanzen als Rankenhilfe anbot. Das Klima war tropisch, warm und feucht. Nicht alle Türme standen der Bevölkerung für Besichtigungen offen zur Verfügung, das war einer davon. Nur geführte Gruppen durften das Gebäude betreten. Lingus war gerade mit der Führung einer Kindergruppe beschäftigt, als er die beiden sah. Er winkte ihnen zu und zeigte ihnen, dass er noch ein wenig Zeit brauchte.

Den beiden war das nur Recht, so konnten sie noch ein wenig staunen. Am Empfang wurden ihre Chips freigeschalten und weil sie einen angemeldeten Termin bei Lingus hatten, durften sie durch die Schleuse ins Innere und sich frei bewegen.

Der Anblick, der sich ihnen bot, war gigantisch. Auch im Inneren wuchsen Pflanzen an Drahtseilen empor. Überall rankten Pflanzen, hingen Früchte und leuchteten Blüten in allen Farben. Die Labore und Büros waren ringförmig angeordnet. Innen wuchs eine mächtige Wendeltreppe empor. Lift gab es keinen. Sie machten im fünften Stock Halt, um erneut den Ausblick zu genießen.

16-Flauna

Was sie hier sahen, spendete Trost.

Es reichte zwar nicht, um alle regelmäßig mit Obst zu versorgen, aber es gab gelegentlich frisches Obst und es reichte für die Produktion der Nahrungstabletten und für die Reproduktion und Forschung.

Sie konnten sehen, wie Lingus unten die Kindergruppe verabschiedete und zum Ausgang begleitete. Er sah sich um und suchte sie offensichtlich. Er kniff die Augen zusammen und sah hoch, dann entdeckte er sie. Er sprintete los und nahm jeweils 2 Stufen auf einmal. Er war top fit.

„Tante Gibbi, Onkel Andal. Wie schön euch zu sehen.“ Er umarmte die beiden. „Ich hab mich so gefreut, als euch Mama angekündigt hat.“

Andal und Gibbi mussten schmunzeln als er sie immer noch Tante und Onkel nannte. „So schön auch dich zu sehen.“ Gibbi drückte ihn fest und kämpfte schon wieder mit den Tränen. Andal nahm Lingus liebevoll bei den Schultern.

„Was kann ich für euch tun. Was führt euch hier her?“ Lingus war schon neugierig, was ihm dieses seltene Vergnügen bescherte.

Andal und Gibbi schlugen vor, dafür doch besser in sein Büro zu gehen, es war doch eher etwas Inoffizielles, das sie besprechen wollten. Lingus setzte einen geheimnisvollen Blick auf und zwinkerte ihnen zu. Er sprintete schon wieder los, verknöchelte aber diesmal nach ein paar Treppen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blieb er stehen und rieb an seinem Knöchel. „Mist.“ Gibbi und Andal hatten ihn mittlerweile erreicht und kümmerten sich besorgt um ihn. Sie stützen ihn bis zu seinem Büro, wo er sich erleichtert auf seine Bank fallen ließ. Er schüttelte den Kopf. „Diese blöden Linsen. Ich kann mich nicht an sie gewöhnen.“

„Ah. Linsen. Ich hab mich schon gewundert, dass du die Augen so zusammenkneifen musstest, als du nach uns gesucht hast.“

Lingus nahm sich seine Sehhilfen aus dem Auge und hatte das Kühlpack aufgelegt, das ihm Gibbi aus seinem Kühlschrank geholt hat. „Du bist ja bestens ausgerüstet. Das hat auch nicht jeder im lagernd.“

16-Probe

Die Eisbeutel halfen gut und Lingus konnte wieder auf sein Bein auftreten. „Wenigstens scheint nichts gebrochen zu sein“. Gibbi war erleichtert.

„Leider müssen wir ein wenig drängen. Die Zeit eilt.“ Andal wollte Lingus keinen Druck machen, aber viel Zeit hatten sie nicht.

Lingus nickte und bat um die Probe. Andal streckte ihm das Glasröhrchen mit den Globuli hin.

„Und du meinst, das Zeug ist nicht bloß Milchzucker, sondern da ist ausnahmsweise mal wirklich was drin?“

Andal nickte. „Genau das wollen wir herausfinden. Ist da etwas anderes drin, als in dem üblichen Schrott, den die normal so verkaufen. Ich vermute schon länger, dass zwei Sorten auf dem Markt sind. Eine Sorte die hilft, und die normale Sorte, die nur den Placebo Effekt hat. Ich hätte es gerne aber von dir bestätigt. Also komm junger Freund, hopp hopp zu den Geräten. Wir müssen das dringend untersuchen.“

Lingus rief im Labor an, und beauftragte seine Kollegen mit einer Aufgabe, die sie für eine Zeit lang beschäftigen und fernhalten würde. Die Luft war also rein.

Andal und Gibbi stützten Lingus und er zog den ganzen Weg lang ein schmerzverzerrtes Gesicht. Als er endlich auf seinem Laborhocker Platz nahm, seufzte er erleichtert auf und machte sich an die Arbeit. Die anderen beiden nutzten die Zeit sich ein wenig umzusehen und ohne Unterbrechung die Fortschritte und Weiterentwicklung der Laborarbeit zu bestaunen. Sie setzten sich ein wenig hin um zu rasten, und wenige Momente später waren sie eingeschlafen.

Wenige Stunden später weckte Lingus sie.

„Ihr hattet Recht. Das Zeug ist mit richtig guten Medikamenten gestreckt. Mit etwas, das wir hier nicht haben. Da sind Sachen drin, da kann ich nur erahnen, was die im Körper machen – ich hab gleich mal ein Kügelchen ausprobiert.“ Lingus schmunzelte schelmisch.

Andal hakte nach: „Wie – ein Zeug, das ihr hier nicht habt. Ihr, hier auf Flauna, oder wir hier auf Usguard?“

„Wir hier auf Usguard. Denn wie du weißt: Das wirksame Zeug und alle guten Medikamente die es in Usguard gibt, kommen hier von Flauna. Also ist alles was es auf Usguard gibt, auch von Flauna. Also ist beides richtig. Aber um es ganz klar zu formulieren: Diese Medikamente, die sich in diesen Globuli befinden, sind nicht von dieser Insel. Ihr wisst was das bedeutet.“ Lingus drehte sich auf seinem Hocker und schüttelte den kleinen Glaskolben in seiner rechten Hand. „Irgendjemand hier, ist nicht von hier und hat was mitgebracht, das von wo anders stammt. Und die haben sich erfolgreicher weiterentwickelt als wir.“

Andal und Gibbi sahen sich an. Sie hatten es geahnt. Jetzt war wichtig, dass Mike diese Nachricht so schnell wie möglich erhielt. Doch Lingus hatte eine bessere Idee.

„Wisst ihr noch? Früher – wenn wir Stress abbauen wollten? Er sah die beiden auffordernd an.

„Sag bloß, du hast die Plantage noch.“ Gibbi war sichtlich aufgeregt. Wie hätte sie das vergessen können.

„Plantage ist es keine mehr, aber ein paar Büsche haben wir noch. Was meint ihr?“

Da mussten sie nicht lange überlegen. Die beiden nickten. „Klar, keine Frage. Wo geht’s hin?“ Lingus zeigte den Weg und hielt Andal ein Kuvert hin. „Du solltest eine Nachricht an deinen Sohn schicken und das Röhrchen wieder an ihn retour geben. Das Zeug ist heiß. Ich will nicht, dass es bei mir gefunden wird. Obwohl ich zugeben muss, dass ich mir grad noch ein paar Kügelchen rausgenommen hab, denn mein Knöchel schmerzt kaum noch. Was immer da drin ist, es ist ein echt gutes Schmerzmittel.“

16-Lingus

Gibbi, Andi und Lingus holten sich ein paar Blätter vom angesprochenen Superkraut, checkten aus und verzogen sich in Lingus Wohncontainer. Als Wissenschafter durfte er direkt auf Flauna leben, es war also nicht weit. Er lebte in einer transparenten Plastikgeode direkt in einer der Gartenanlagen. Gibbi und Andal staunten nicht schlecht, als er sie hineinbat. Außer seiner Schlafkoje, ein paar Polstern und einer Truhe mit seinen persönlichen Sachen, hatte er nicht viel Besitz. Dafür eine super Aussicht, Ruhe und Pflanzen und Geplätscher, wie vermutlich sonst nirgendwo mehr auf diesem Planeten. Er hatte eine eigene Technik entwickelt, wie er die Blätter erhitzte und bald schon war seine Kuppel mit weißem Nebel gefüllt, den alle drei inhalierten. Gibbi kicherte. „Ich glaub ich spür schon was. Und ihr?“ Die Männer saßen grinsend daneben und sagten Sachen wie „Ach.“ Und „Ich weiß nicht so recht.“ Und begannen im Kreis zu grinsen.

Doch der Spaß endete abrupt, als Lingus einen Alarm auf seinem Legpad erhielt. Er raffte sich auf und sah nach. Im Nu war er wieder bei Sinnen und begann die beiden zu rütteln. „Andal – wirf den Brief an Mike sofort in die Rohrpost.“

„Was ist los?“ wollte Gibbi wissen.

„Keine Zeit.“ Lingus winkte ab. „Los Andal, geh raus gleich vorne neben dem roten Ahorn an der Wand ist die Rohrpost. Nimm einen Zylinder, steck den Brief rein und drück auf den Button. „Los. Los.“ Lingus schrie ihn an. „Du musst gehen. Jetzt. Ich kann nicht, ich bin nicht so schnell.“ Er deutete auf sein Bein und Gibbi sah entsetzt wie blau und angeschwollen es mittlerweile war. „Scheint doch etwas Ernstes zu sein.“ Lingus nahm es locker und zuckte mit den Schultern.

Andal lief los. Er kam gerade wieder in die Geode zurück, als sich die Tore zur Halle öffneten und Protektoren hereinkamen. Er keuchte nicht schlecht, so außer Atem war er. Gibbi sah die beiden Männer hilflos an. „Was passiert denn jetzt hier?“

„Nun, wir werden jetzt vermutlich festgenommen. Irgendjemand hat uns verpfiffen. Ich sagte euch doch, das Zeug ist heiß. Denn wegen dem Rauch, hat mich seit vielen Jahren niemand verpfiffen. Warum sollte es also gerade heute zum ersten Mal sein?“

Die Protektoren forderten die drei auf, herauszutreten. Sie bekamen Handschellen angelegt. Mit unpersönlicher Stimme wurden ihnen ihre Vergehen genannt:

„Sie haben mit offenem Feuer hantiert und Drogen konsumiert. Sie haben gegen Gesetz 4 und Gesetz 9 verstoßen.“

16-Festnahme

Dann wurden sie unsanft abgeführt.

Gibbi begann zu betteln. „Unser Sohn ist auch Protektor. Sie kennen ihn sicher, es ist Mike Brigth. Rufen sie ihn doch bitte an. Man kann das doch sicher irgendwie regeln.“ Doch Andal fiel ihr ins Wort. „Zieh doch Mike jetzt nicht hier mit rein. Wir haben nur noch wenige Tage. Ich will nicht, dass er jetzt für uns seinen Kopf hinhält und womöglich seine Karriere ruiniert.“ Gibbi verstand und hörte auf, sich zu wehren.

Als sie durch die große Eingangshalle gingen, leuchtete ihnen von einer der großen Werbewände der Schriftzug entgegen: „Ich sagte euch doch: Ich kann alles.“ Lingus konnte nichts damit anfangen, nur Gibbi und Andal wussten, was das bedeutet. Wer steckte bloß hinter alle dem?

Mike nahm gerade an den Vorbereitungen für das Sequentis teil, das Fest, bei dem die 12 neuen Sequenteure bestimmt wurden, teil. Es sollte in einer Woche stattfinden. Nur beiläufig sah er auf sein blinkendes Legpad, als er irgendetwas mit Eltern entziffern konnte. Nachdem er die Nachricht gelesen hatte, war er total fertig. Sollten sie wirklich ihre letzten Tage im Gefängnis verbringen?

Er funkte Blanca an. „Blanca, was machst du gerade?“

„Wieso?“ fragte sie sichtlich genervt.

„Man stellt auf eine Frage keine Gegenfrage.“ Sagte Mike. „Weil meine Eltern festgenommen wurden, und sie jemand da rausholen muss.“ Ergänzte er.

 „Du meine Güte. Was ist geschehen?“ er hatte Blancas volle Aufmerksamkeit.

„Sie haben gekifft und wurden erwischt. Ich kann hier leider nicht weg.“ Er zwickte sich mit Zeigefinger und Daumen fest in den Nasenrücken und musste immer noch den Kopf schütteln. Es war nicht zu fassen, in ihrem Alter.

„Ge-kifft?“ Blanca musste lachen. „Nicht dein Ernst. Das sind doch ein paar. Recht haben sie. Sollen sie doch ihre letzten Tage genießen.“ Als sie bemerkte, dass das Mike nicht so lustig fand, schlug sie wieder einen sachlichen Ton an.

„Alles klar, ich mach mich auf den Weg ins Büro und schau mal zu, was ich machen kann.“ Blanca legte auf und machte sich auf den Weg in die Zentrale.

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