Kapitel 17: Die Leiden der Eve

Eves Schmerzen wurden immer schlimmer. Sie brauchte dringend Hilfe. Schon seit einer Stunde versuchte sie Amy zu erreichen, aber Amy meldete sich einfach nicht. Sie hatte ihr schon eine Textnachricht geschrieben, ihr mitgeteilt, dass Mike Schluss gemacht hatte und sie einen fürchterlichen Streit hatten. Aber alles half nichts. Amy blieb unerreichbar. In ihrer Verzweiflung fiel ihr Urna ein. Ihre Nummer hatte sie nicht, aber sei konnte sich dunkel daran erinnern, wo sie wohnte. Also machte sie sich auf den Weg. Unterwegs schreibt sie noch eine Textnachricht an Amy und gibt ihr Bescheid, dass sie nun Urnas Hilfe in Anspruch nehmen wird. Sie meldete sich nicht bei ihrer Familie, zu peinlich wäre es ihr gewesen, von der Trennung zu erzählen. Immerhin bestand noch die Hoffnung, dass Mike sich meldete und alles wieder gut werden würde.

Mike hingegen hatte nicht im Entferntesten vor, sich bei Amy zu melden. Er war sofort in die Quelle gefahren und saß schon seit Stunden bei Flori an der Bar. Er hatte schon einiges intus und dachte nicht mehr an Amy. Er verfolgte erst ein Spiel der Jetski Meisterschaften und sah sich dann die Endausscheidung der e-Sports Championsleague an. Einer seiner Protektorenkollegen hatte sich bis ins Finale durchgekämpft und hatte schon einen schönen Vorsprung erzielt. Mike spielte mit dem Gedanken, sich ein paar Tage frei zu nehmen. Er hasste es mit Brummschädel arbeiten zu gehen, und bei dem was gerade los war, konnte er sich auch keine Fehler erlauben. Er hatte schon lange keine ruhigen Tage mehr und es war auch morgen keiner zu erwarten.

Eve war vor Urnas Haus angekommen.

Sie wartete bis jemand aus dem Haus ging und huschte dann schnell durch die noch nicht zugefallene Türe. Sie keuchte, als sie im 2 Stock ankam. Sie klopfte an die Türe. Sie hörte, dass sich jemand näherte und fühlte, wie sie durch den Türspion gemustert wurde.

17-Amy

„Urna, bitte hilf mir. Mir geht es total beschissen. Amy erreich ich nicht. Du bist die einzige, die mir helfen kann.“

Zögerlich öffnete sich die Türe.

„Eve. Um Himmels Willen. Komm rein.“

Eve trat ein und ließ sich ächzend und stöhnend auf den angebotenen Stuhl nieder. Urna griff ihr an die Stirne und tastete nach Temperatur und Puls.

„Du meine Güte, du glühst ja.“

Eve nickte. „Du musst mir helfen, ich brauch was. Bitte gib mir etwas, das hilft.“

Urna hatte Amy im Ohr, die sie gewarnt hatte. Sie musste sich eingestehen, dass sie sich in der Sache übernommen hatte.

„Eve, ich glaub in deinem Fall wäre es wirklich das Beste, wenn wir dich in die Zentrale ins Krankenhaus bringen.“

Eve wehrte sich vehement. „Kommt nicht in Frage, ich sagte dir doch. Ich kann nicht. DU musst mir helfen. Ich geh nicht ins Krankenhaus. Keinesfalls.“

Urna nickte nachdenklich und begann an ihrem Legpad herumzutippen. Eve ließ währenddessen ihren Blick durch Urnas Wohnung schweifen. Sie war sehr unordentlich und überall stand etwas herum. Sie entdeckte eine Klangschale aus Messing, ein paar Wünschelruten, Pendel und Halbedelsteine, die in Wasser eingelegt waren. Genug Zeug, für das man sie locker ein paar Jahre auf Kontumaz unterbringen konnte. Doch dann fixierte sie ein schwarzes Kostüm, das sie auf der Schlafkapsel von Urna liegen sah.

„Was ist das für ein schwarzes Outfit?

Du weißt, mein Freund, also Mike, sucht nach dem Dieb, der Blancas Arm gestohlen hat. Er trug ein schwarzes Outfit, das der Beschreibung nach, zu dem dort passen würde.“

Urna lächelte verlegen.

„Nein, ich hab doch nicht Blancas Arm gestohlen, was hältst du von mir? Am schwarzen Brett der Stadt hing ein Inserat – man könne sich ein paar Lob Einheiten dazu verdienen, wenn man sich meldet und hin und wieder mit diesem schwarzen Kostüm durch die Stadt läuft. Nun ich hab mich gemeldet. Ein paar ehrlich verdiente Lob Einheiten können nicht schaden, dachte ich mir. Danach hat man mir die Schablonen für den 3D Drucker zugeschickt, die ich ausdrucken sollte und den schwarzen Spray. Ich glaube insgesamt machen um die hundert Leute mit. Wir laufen also alle im gleichen Outfit herum und lassen uns immer wieder an unterschiedlichen Stellen sehen. Vermutlich ein Kunstprojekt oder sowas. Ist mir auch egal. Die Bezahlung passt.“

Eve nickte. „Ja, wäre eine gelungene Kampagne um Werbung für die neue Ausstellung im Museum zu machen. Vermutlich hat der Direktor das in Auftrag gegeben. Und so hatte auch der Dieb leichtes Spiel. Jetzt kann ihn niemand mehr finden. Kluger Schachzug.“

Eve wollte das Mike schicken, überlegte es sich aber noch einmal. Sie wollte nicht den Eindruck erwecken, dass sie ihm nachlief und außerdem blendete sie das Display ohnehin zu stark. Sie würde es ihm eben in ein zwei Tagen sagen.

Urna sah auf ihr Legpad und fluchte. Scheinbar war das was sie erwartet hatte, nicht eingetreten. Sie packte Eve und zog sie vom Sessel auf. „Komm, wir haben einen kleinen Weg vor uns. Ich kann dir nicht helfen, aber ich weiß, wer es kann.“

Sie stützte Eve beim Verlassen des Hauses und den ganzen Weg, bis sie bei Lommy angekommen waren.

Sie klingelte und Lommy öffnete. Er hatte gerade Besuch und diskutierte heftig mit seinem weiblichen Gast.

„Urna. Was willst du hier? Und wer ist deine Begleitung? Wen schleppst du mir hier an?“ Er schien über die Störung nicht erfreut zu sein.

„Das ist Eve. Sie ist ziemlich krank. Sie braucht deine Hilfe und etwas von deinem Zeug.“ Urna hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie unangekündigt aufgekreuzt war. Sie wusste, dass Lommy seine Adresse gerne geheim hielt und nur geladene Gäste empfing. Aber sie hatte ihn ja zu erreichen versucht, leider hat er nicht geantwortet.

„Sag spinnst du?

Du kannst doch nicht einfach eine Privilegierte hier anschleppen. So wie die aussieht, verreckt die ohnehin. Willst du mich nach Kontumaz bringen?“ Er fauchte sie an, wollte aber nicht auffallen und deshalb zog er die beiden in seine Wohnung, bevor die Nachbarn noch aufmerksam wurden.

„Das ist nicht irgendeine Privilegierte. Sie ist die Freundin von Mike Bright, dem Protektor. Du kennst ihn sicher aus den Nachrichten.“

„Ex“ murmelte Eve.

„Was sagt sie?“ fragte Lommy und sah abfällig auf Eve, die sich nur noch mühsam auf den Beinen halten konnte.

„Ex-Freundin von Mike.“ Hauchte Eve erneut.

„Ja, die haben Schluss gemacht. Aber trotzdem. Bitte hilf ihr.“ Ergänzte Urna.

„Hallo Eve, hallo Urna, ich bin Toxa.“ Der weibliche Gast von Lommy kam auf die beiden zu und streckte erst Eve und dann Urna ihren Arm zum Gruß hin.

„Lommy, wir helfen ihr.“

Sagte sie ziemlich bestimmt und sah Lommy auffordernd an.

Lommy verstand und nickte. „OK. Klar.“

Er öffnete seine Schlafkapsel und forderte Eve auf, einzusteigen. „Du legst dich jetzt mal hier hinein, wir kümmern uns gleich um dich.“

Eve war dankbar sich endlich ausrasten zu können und stieg ein. Lommy schloss die Kapsel und ließ ein Gemisch in die Kapsel, Eve schlief sofort ein. Toxa holte ein Skalpell und öffnete die Schlafkapsel wieder.

„Was macht ihr? Halt. Tut ihr nicht weh!“ rief Urna.

„Was sein muss, muss sein. Du hast sie einfach hierher gebracht. Sie werden sie suchen und dann orten sie ihren Chip. Du bringst den Chip weg und wir erledigen den Rest. Mach dir keine Sorgen.“

17-Toxa

Toxa holte unsanft den Chip aus Eves Handballen und klebte die Wunde zu. Sie steckte den Chip in ein Globuli Röhrchen und reinigte ihn unbeholfen. Dann hielt sie Urna das Röhrchen hin.

„So, nun raus hier. Du fährst mit dem Chip ein wenig spazieren. Sechs Stunden von jetzt an. Geh in eine Bar, geh ins Museum, hab ein wenig Spaß. Mach dir mit Eves Chip eine schöne Zeit. Die werden glauben, Eve macht einen drauf. Sobald das Signal zum Stillstand kommt, werden sie zu suchen beginnen. Am besten wirfst du den Chip von der Plattform. Dann denken sie, sie ist gesprungen und sind noch eine Zeit lang beschäftigt. Bis dahin haben wir sie wieder fit.“

„Ach, niemand wird nach ihr suchen. Sie haben sich doch gestritten und Mike betrinkt sich sicher in seiner Stammkneipe, zumindest meint das Eve.“

Urna war irritiert. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie wollte wieder nach Hause. Sie hatte nicht eingeplant, stundenlang in der Gegend herumzustreunen.

„Hmm, seine Stammkneipe. Wo ist die nochmal?“ Toxa war neugierig.

„Ich glaube, sie sagte die Quelle.“ Antwortete Urna.

„Alles klar. Gut. Nun hopp hopp, auf geht’s. Zeig dem Chip die schöne Insel.“ Lommy wollte Urna endlich loswerden. Doch Urna war bockig. Sie versuchte sich vor ihrer Aufgabe zu drücken.

„Nun, wir hatten auch nicht eingeplant, heute noch einen Patienten zu bekommen. So ist das eben.“ Damit verabschiedeten sie Urna.

„Was sollte das? Du spielst dich hier auf, bringst uns beide in Gefahr! Wir wollen hier in ein paar Tagen weg, ich kann hier keine Protektoren gebrauchen oder gar die Snooper auf uns aufmerksam machen. Warum wolltest du sie unbedingt hier behalten?“ Lommy war wütend und schrie Toxa an.

„Beruhige dich.“ Toxa lächelte ihn an.

„Es ist alles unter Kontrolle und alles läuft nach Plan. Ich versuche schon so lange an den Protektor ranzukommen. Ich hatte ihn ja kennen gelernet, als er den Tatort von Rudy untersuchte. Er hat aber nicht auf meine Avancen reagiert. Ich hab ihn immer wieder angechattet. Immer stand diese Eve im Weg. Hier haben wir sie unter Kontrolle und ich hab endlich freie Bahn. Ich hab das schon so lange geplant. Nicht umsonst bin ich bei den Varatos eingebrochen und hab den Arm genau zu dem Zeitpunkt geklaut, als Eve Schicht hatte oder besser gesagt gehabt hätte.“ Toxa lächelte zur Schlafkapsel hin.

„Jetzt hab ich sie da, wo ich sie wollte. Ich hab die Bakterien über einen Brief, den ich ihr geschickt habe, freigesetzt. Leider müssen ihr Ex Mike und seine Eltern nun auch mit den Auswirkungen kämpfen, sie waren leider alle miteinander beim Abendessen, als sie ihn bekommen haben. Vermutlich haben alle anderen auch eine Dosis abbekommen.“

17-Lommy

„Du bist ein Monster. Woher hattest du denn Streptokokken? Hast du die etwa mitgebracht?“

„Ja sicher. Das war mein Plan B. Immerhin wollten wir mit unseren Medikamenten unseren Unterhalt hier verdienen. Was, wenn unser Geschäft nicht in die Gänge gekommen wäre? Dann hätte ich die freigesetzt und alle hätten unsere Medikamente benötigt. Haben wir aber nicht benötigt. Ich hätte ja nie geahnt, dass die auf der Insel ohnehin so auf alle Mittelchen abfahren, dass wir für unsere Kugeln im Nu einen fixen Abnehmerstamm gefunden hatten. Und nun hab ich mir gedacht, vielleicht helfen mir die Bakterien doch noch bei einer Mission.“

„Ok, ist ja gut. Wie lange brauchst du? Wozu brauchst du ihn überhaupt?“ Lommy wusste noch immer nicht, was genau sie vor hatte.

„Ich brauche eine Atemprobe, eine Blutprobe und eine Stimmprobe. Ich hoffe, dass ich das in 3 Tagen bei einander habe.“

„Ach, sonst nichts?“ Lommy konnte es nicht fassen. „Du willst also tatsächlich mit seiner Identität in den CPT einbrechen?“

Toxa nickte. „Wir brauchen die Kinder. Ohne die lassen sie uns nicht nach Hause. Ich verlasse mich auf niemanden mehr. Ich hole die jetzt selber. Und wie du sagst. Bald ist Abreise. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr und von euch hat auch niemand einen besseren Plan.“

„Alles klar. Ich verschaffe dir drei Tage. Dann will ich dich hier gesund wieder sehen. Notfalls auch ohne Kinder. Dann werden wir sie mit anderen Argumenten überzeugen. Pass gut auf Dich auf. Und sei nicht zu grob zu ihm. Ich kenne seine richtigen Eltern. Ich will ihnen nach unserer Rückkehr in die Augen sehen können.“ Lommy fasste Toxa an der Schulter. „Versprich mir das.“

Toxa nickte. „Mach ich.“ Dann schüttelte sie ihr Haar durch und klopfte sich die Wangen rosig. „Und jetzt auf in den Kampf. Jetzt wird ein Protektor aufgerissen. Wünsch mir Glück und Erfolg.“

„Glück und Erfolg“ sagte Lommy. Dann verschwand Toxa aus der Türe.

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