Kapitel 18: Ein Chip fährt spazieren

Pia Varato versuchte bereits seit Stunden ihre Schwägerin zu erreichen. Sie waren verabredet und wollten gemeinsame Besorgungen erledigen, aber Eve war einfach nicht aufgetaucht. Langsam aber sicher machte sie sich sorgen. Sie besprach sich mit ihrem Mann.

„Ungewöhnlich. Es ist sonst nicht ihre Art, dich einfach zu versetzen und sich dann nicht einmal zu melden. Hast du schon bei Mike nachgefragt, ob er etwas weiß?“ fragte er sie.

Sie schüttelte den Kopf. „Den kann ich auch nicht erreichen. Aber wozu sorgen, ich frage einfach mal bei Blanca nach.“

Sie pingte Blanca an. Nur kurze Zeit später meldet sie sich. „Pia, was ist los?“

„Blanca, wie bin ich froh, dass ich dich erreiche. Ich weiß auch gar nicht ob du mir helfen kannst, aber

ich sorge mich so um Eve.

Wir hätten heute gemeinsam shoppen wollen, doch sie ist einfach nicht aufgetaucht. Und das ist so gar nicht ihre Art: Sich nicht zu melden und einfach nicht zu kommen. Dann wollt ich Mike anrufen und den erwische ich auch nicht. Beide sind seit Stunden nicht erreichbar und wir haben uns so lange nicht gehört. Sie hätten doch wenigstens eine Text Message zurückgeschickt. Aber es kommt rein gar nichts. Das ist so seltsam. Weißt du was mit den beiden ist?“

Blanca war ein wenig verlegen, sie wusste nicht, ob die Varatos schon von der Trennung der beiden wussten und wollte sich nicht in den angebotenen Fettnapf setzen.

„Mike macht gerade ein wenig was durch. Seine Eltern werden ja bald entwässert und zu allem Unglück wurden sie jetzt auch noch festgenommen.“

Pia erschrak am Ende des Telefons. „Was? Du meine Güte. Na da ist ja was los.“

Blanca setzte fort. „Er hat sich ein paar Tage Urlaub genommen. Und so wie ich ihn kenne, wird er seine Probleme in der Quelle ertränken. Bei Flori und ein paar Drinks.“

Pia nickte. „Da hast du vermutlich Recht. Du kennst ihn besser als wir. Das erklärt aber nicht, wo Eve ist. Ich glaube nicht, dass sie dabei mit macht. Sie ist also sicher anderswo. Was kann ich tun?“

Blanca bot an, ihren Chip zu orten, sobald sie wieder in der Zentrale war und die Koordinaten an Pia zu übermitteln. Pia war dankbar und nahm das Angebot gerne an. Die Neuigkeiten besprach sie mit ihrem Mann. „Blanca wird Eve orten und uns dann die Koordinaten schicken. Hoffentlich ist es nichts Ernstes. Dann finden wir sie bald. Mike ist angeblich in der Quelle und nietet sich um. Er hat Probleme mit seinen Eltern.“

18-duke

„Weißt du was, ich hab Mike so lange nicht gesehen. Ich werde zu ihm in die Quelle fahren und einmal mit ihm plaudern. Er wird sich doch sicher auch Sorgen um Eve machen und möchte sich sicher an der Suche beteiligen.“ Der Duke unterbrach seine Reparatur Arbeiten und ging sich waschen.

Toxa war mittlerweile in der Quelle angekommen.

Sie schaute sich um und sah Mike ganz vorne an der Bar sitzen. Die Kellnerin stand bei ihm und sie schäkerten herum. Sie zupfte ihr Shirt zurecht und strubbelte durch ihr Haar. Dann zwickte sie sich die Wangen rosig und befeuchtete die Lippen. Schwungvoll setzte sie sich auf einen Barhocker und ließ zwei zwischen sich und Mike frei. Sie bestellte sich ein Glas Wasser und fischte ihr Salvinum Döschen aus der engen Hose. Dann erst sah sie rüber.

„Hey. Wenn das nicht der Herr Protektor ist.“ Rief sie hinüber. Flori und er unterbrachen ihr Gespräch und sahen sie an.

Mike konnte sich an sie erinnern, so knallrotes Haar hatte nicht jede junge Frau auf der Insel. Er wusste aber nicht mehr von wo sie sich kannten.

„Die Nachbarin von Rudy Fusar. Sie wissen schon, damals am Tatort.“ Sie half seinem Gedächtnis auf die Sprünge.

„Ah ja. Toxa richtig?“ Mike war selbst überrascht, dass er sich an den Namen erinnern konnte, aber die Eselsbrücke war leicht zu merken – die war sicher giftig.

„Darf ich?“ fragte sie und zeigt auf den Hocker neben ihm.

„Ähm. Klar. Ok für dich?“ er sah Flori an. Sie lächelte und nickte. „Ich sollte sowieso mal wieder etwas arbeiten, es sind ja andere Gäste auch noch da.“ Erleichtert floh sie, sie konnte Mike gut leiden, aber er nahm schon sehr viel Zeit in Anspruch, wenn er getrunken hatte.

18-Toxa

„Salvinum. Ich verstehe. Du warst doch Kundin von Don Fusar. Ich dachte es mir doch.“ Mike schmunzelte und starrte auf das kleine Behältnis mit der verführerischen Substanz.

„Kleinen Schnief?“ Toxa bot Mike eine kleine Portion an und schob ihm das Döschen und die kleine Portionierungsschaufel hinüber. Er konnte nicht widerstehen und langte zu. Dann verzog er das Gesicht und schüttelte kräftig den Kopf. Dann musste er niesen.

„Whuh. Das geht.“ Er lachte. Und Toxa stimmte zu.

„Ich hab schon seit Stunden solche Ohrenschmerzen, ich habs noch nicht geschafft, sie mir wegzutrinken. Vermutlich hat mich meine bescheuerte Ex angesteckt. Ich hab jedenfalls vor, heute so lange zu trinken, bis sie weg sind.“ Er drückte sich mit den Mittelfingern an die Schläfen und massierte sich die Stelle vor dem Ohr.

Mike gab Toxa von seinem alkoholischen Gel ab und Toxa rührte es in ihr Wasserglas ein. Sie holte aus der anderen Hosentasche ein Röhrchen heraus und entnahm ein Kügelchen. Sie hielt es Mike hin. „Hier nimm das.“

Mike verzog das Gesicht. „Nicht du auch noch. Bist du auch so eine gestörte Alte, die auf dieses esoterische Zeug schwört? Globuli? Echt jetzt?“ er schüttelte den Kopf und konnte es nicht fassen. Waren die alle verrückt geworden.

„Du weißt doch, das ich Protektor bin. Das ist illegal, ich kann das gar nicht nehmen.“

„Ah, aber Salvinum geht. Oder was?“ fragte Toxa. Sie konnte es nicht fassen, das war auch illegal, aber das störte ihn nicht. Nun, sie war nicht da um ihn zu kritisieren oder zu verstehen, sie war hier um ihn aufzureißen. Also gab sie sich einen Ruck und wurde wieder cool. „Das sind keine Globuli, es hat nur die gleiche Form. Ich hab nur gutes Zeug, da kannst du dich drauf verlassen. Glaub mir. Probier es einfach aus. Es wird dir gefallen. Garantiert kein esoterischer Scheiß – ich schwöre. Kostet dich nichts und du probierst heute sowieso so lange rum, bis die Schmerzen weg sind, warum also nicht einfach das auch noch versuchen?“

Mike war ohnehin schon alles egal. Und an dem was sie sagte, war was dran. Also spülte das Kügelchen mit etwas Alkohol hinunter. Er bestellte nochmals Gel bei Flori und ging zur Toilette. Als er zurückkam waren die Ohrenschmerzen weg.

„Das ist unglaublich. Du hättest mich heute bekehren können. Wenn das echt Globuli wären, hätte ich ab sofort dran geglaubt. Das Zeug wirkt total gut. Die Ohrenschmerzen sind so gut wie weg geblasen. Mann oh Mann. Coole Sache.“ Er war Toxa echt dankbar und sie stubste ihn mit dem Ellenbogen in die Seiten. „Sagte ich dir doch. Vertrau mir doch ein bisschen. Ich arbeite doch mit Medikamenten.“

Sie verstand es gut, Mike zu verführen.

Ein Lächeln dort, eine Berührung da und bereits eine halbe Stunde später, hatte er den Arm um sie gelegt und rückte mit dem Hocker ganz nahe an sie heran.

Flori rührte gerade Gel für eine neue Gruppe Gäste an und beobachtete die beiden. Sie konnte es sich nicht verkneifen.

„Wo ist eigentlich Eve heute abgeblieben, Mike? Ihr seid doch noch ein Paar oder?“ fragte sie.

Mike machte eine ablehnende Handbewegung. „Ach die. Wir sind nicht mehr zusammen.“

„Oh“. Sagte Toxa und tat überrascht. „Du bist Single?“

Mike streckte beide Arme von seinem Körper weg und zeigte dann mit den Handflächen auf sich selbst. „Young free and Single. Gut und kräftig gebaut, und sowas von einfach zu haben.“ Dann zwinkerte er ihr mit einem Auge zu und schnalzte mit der Zunge. Er machte sich an, sie zu küssen, als ihn jemand von hinten in den Nacken zwickte. Er zuckte zusammen und drehte sich um.

Es war der Duke.

18-Duke II

„Young Free and Single also.“ wiederholte er. “Seit wann denn das? Weiß das meine Schwester auch schon?”

„Da ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Siehst ja, bin beschäftigt.“ Mike wollte ihn abwimmelt. Er war über die überraschende Begegnung mit seinem Ex-Schwager sichtlich nicht begeistert.

„Ich wollt gerne einen mit meinem Freund trinken. Habe gehört, du hast Troubles mit deinen Eltern. Wir haben uns lange nicht gesehen – du entschuldigst uns doch?“ sagte er mit einer gewissen Bestimmtheit und sah Toxa auffordernd an. Diese machte aber keine Anstalten zu gehen und schaute fragend zu Mike hin.

„Nix da. Die bleibt hier. Wir sehen uns morgen, Duke. Sei mir nicht böse. Ich habe heute zu viel getrunken und über dieses Thema will ich heute auch nicht mehr reden. Ich habe hier und heute genug Lob ausgegeben um es endlich für ein paar Stunden zu vergessen.“ Mike hatte nicht vor, sich jetzt einem erklärenden Gespräch zu stellen. Er legte seinen Arm wieder um Toxas Schultern und wendete Laduk den Rücken zu. Der Duke wurde sehr ungehalten.

„Meine Schwester wird vermisst.

Und während du dich hier schon mit der nächsten amüsierst, machen wir uns sorgen. Reiß dich am Riemen.“ Er packte Mike am Oberarm und versuchte ihn am Hocker zu sich hinzudrehen.

„Reiß dich selbst am Riemen. Siehst du nicht, dass du hier störst? Du bist jetzt nicht erwünscht.“ Mike fauchte den Duke an und Flori strafte sie mit einem strengen Blick. Sie konnte Ärger in ihrer Bar nicht haben.

„Ich sags dir ein letztes Mal. Du kommst jetzt mit raus hier und hilfst mir, meine Schwester zu suchen. Mike – was ist mit dir?“

FAOO0371

Mike sah weiter in Toxas Richtung und rollte die Augen. „Mann ist der hartnäckig heute.“ Dann drehte er sich zum Duke.

„Und ich sag dir ein letztes Mal du störst hier.“ Er schubste den Duke mit beiden Armen von sich weg und der Duke schlug Mike mit der flachen Hand und dem Handballen stark gegen die Stirn.“ Dann schritt Flori ein.

„Du gehst jetzt. Alles war friedlich bis du gekommen bist. Bitte belästige meine Gäste nicht.“ Sie zeigte mit der Hand zur Türe und drückte einen Knopf unter ihrem Tresen um die Security zu holen.

„Schon gut, du brauchst niemanden zu rufen. Ich gehe.“ Enttäuscht sah er ein letztes Mal zu Mike hin.

„Arschloch. Das hat ein Nachspiel.“

Rief er im noch zu und dann ging er. Als er wieder an der Luft war, verschnaufte er kurz. Er platzte fast vor Wut. Dann rief er Pia an.

„Pia, Mike ist ein Arschloch. Mit dem kommen wir heute nicht weiter. Bitte Blanca um Hilfe, sie soll dir sagen, wo Eve ist und dir die Koordinaten von ihrem Chip durchschicken. Wir treffen uns dann gleich dort.“


Urna war schon seit Stunden unterwegs. Sie war im Museum, ist eine Runde mit der Tube gefahren, war auf den Dächern und im Teehaus. Sie war müde und erschöpft. Es war endlich Zeit, den Chip von Eve wegzuschmeißen. Sie näherte sich dem Rand der Insel an der Stelle, den Toxa ihr genannt hatte. Sie wurde nachdenklich und zögerte.

Wenn sie jetzt den Chip über die Wand werfen würde, würden alle denken, Eve sei gesprungen und hatte Selbstmord begannen. Sie würde damit sehr vielen Menschen Kummer bereiten. Nur weil sie sich übernommen hatte und Eve behandeln wollte, obwohl sie ärztliche Hilfe gebraucht hätte. Hätte sie doch nur auf Amy gehört. Sie hatte ihre Worte noch gut in Erinnerung. Sie grübelte und starrte den Chip an. Dann starrte sie wieder in die Ferne.

Von weitem sah sie eine Gruppe Menschen auf sie zusteuern. Zufall oder nicht, darauf wollte sie sich nicht einlassen. Sie musste handeln. Aber zum drüber Werfen war es jetzt ohnehin zu spät. Sie ließ den Chip einfach an Ort und Stelle aus ihrer Hand zu Boden gleiten und ging ganz ruhig weiter. Die Varatos näherten sich immer weiter. Urna beschleunigte ihre Schritte.


Pia und Laduk sahen sich ratlos um. Sie waren genau an den Koordinaten, die ihnen Blanca geschickt hatte angekommen. Von Eve war aber weit und breit nichts zu sehen. Sie sahen nur eine Frau in schwarzem Outfit vom Platz weggehen. Sie hatte aber nicht die entferntes Ähnlichkeit mit Eve.

Pia rief Blanca an. „Blanca, kontrolliere das bitte nochmal. Wir haben von Eve keine Spur. Bist du sicher, dass das die richtigen Koordinaten sind?“

Blanca kontrollierte alles noch einmal und bestätigte. „Dort wo der Duke steht, muss auch Eve sein. Die beiden Signale sind fast deckungsgleich.“

Der Duke sah sich um. Er bückte sich. „Pia, sieh nur!“ Er hob etwas auf. Er fotografierte es und schickte Blanca das Foto durch. Pia hatte Tränen in den Augen und der Duke musste sich setzen.

18-Blanca

Blanca bestätigte nochmals.

„Ja, das ist Eves Chip. Verdammt.

Eve scheint in ernsthaften Schwierigkeiten zu sein. Ich leite sofort eine offizielle Suche nach ihr ein und setze die Snooper auf sie an.“

„Kannst du ihren Weg nicht zurück verfolgen? Von wo ist der Chip gekommen? Wir suchen den Weg einfach rückwärts ab. Wie weit zurück kannst du gehen?“ der Duke hatte eine gute Idee. Dann hüpfte er auf. „Moment – die Frau, die eben weggegangen ist. Pia, lauf ihr nach. Wer ist sie? Vielleicht weiß sie was!“

Pia sprintete sofort los. Doch Toxa hatte vorgesorgt. Sie hatte vereinzelt Privilegierte im schwarzen Outfit angeheuert, die sich vermehrt in dieser Gegend aufhalten sollten und Urna war in ihrer Menge einfach untergegangen. Pia brach ihre Suche schnell wieder ab. Es hatte gar keinen Sinn.

Blanca antwortete dem Duke. „Wir haben die Daten leider nur sechs Stunden zurück. Ich hab mir grade alles angeschaut. Entweder war Eve heute im Teehaus, im Museum und auch im Rest der ganzen Stadt, oder jemand hat ihren Chip spazieren getragen, um uns zu verwirren. Ich habe jedenfalls keine private Adresse gefunden, wo sich der Chip länger aufgehalten hätte. Nicht in den letzten sechs Stunden.

„Nur sechs Stunden? Was soll das? Was hat das denn für einen Sinn? Wieso stellt ihr das Zeitfenster denn nicht länger ein? “ fragte der Duke zerknirscht.

„Für mehr Daten haben wir nicht genug Speicherplatz. Wir können nicht beliebig viel Speicher für diese Anwendung nutzen. Es gibt so viele andere Daten, die wir mittlerweile abspeichern müssen, jede Stunde mehr kostet so viel Platz und bisher ist nicht viel passiert, wo wir je hätten darauf zurückgreifen müssen.

Ich bin sicher, nach heute wird das Konzept neu überdacht. Das hilft uns im Moment aber nicht weiter. Fakt ist, irgendjemand hat ganz genau gewusst, dass er den Chip sechs Stunden lang bewegen muss. Und das bedeutet leider, hier sind Profis am Werk. Und so ungerne ich das jetzt auch sage, aber das verheißt nichts Gutes und die Zeit drängt.“ Blanca war immer leiser geworden und konnte den Varatos nicht mehr in die Augen schauen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s