Kapitel 19: Helgors Rückkehr

Toxa hatte alle Proben genommen, die sie brauchte.

Sogar noch etwas mehr als erhofft. Sie kontrollierte noch einmal alles: Die DNA Probe, eine Nahaufnahme seiner Iris, Atemprobe, Stimmprobe, und natürlich hatte sie ein Foto aus der Nähe gemacht und seine Fingerabdrücke genommen. Mike war so stoned, sie hätte ihm ein Bein abschneiden können, ohne dass er es gemerkt hätte. Sie sah ihn an, beinahe liebevoll, wie er so da lag. Unter anderen Umständen, zu einer anderen Zeit wäre sie vielleicht geblieben. Aber jetzt hatten andere Dinge Priorität. Sie warf ihm ein symbolisches Kusshändchen zu und schlich sich aus der Wohnung.

Blanca verhörte noch einmal die Frau von Rudy Fusar, Sita Fusar. Ihr waren noch Informationen eingefallen, an die sie beim ersten Verhör nicht gedacht hatte. Blanca fasste zusammen:

„Damit ich das alles richtig verstanden habe: Du sagst also dass dein Mann gepackt hatte, als ob er verreisen hätte wollen. Und nicht nur das, er hat Dinge verschenkt und ausgemistet, als ob er die Wohnung ganz auflassen hätte wollen.“ Sita nickte. Sie war schlank und sportlich und hatte schöne ebenmäßige Gesichtszüge. Sie trug wie viele Frauen auf der Insel eine Glatze, nahm also regelmäßig die Pillen, die vom System ausgeteilt wurde, um die Körperhygiene zu vereinfachen.

„Und das Bild? Es war ihm doch am wichtigsten. Wieso hatte er das nicht eingepackt?“ fragte Blanca. Sie zweifelte die Theorie von Sita an. Wo hätte Rudy denn hin sollen? Ein paar Tage entspannen in Flauna? Ihr kam das Ganze seltsam vor. Sie war auch verärgert darüber, dass Sita diese Details nicht schon beim ersten Mal erwähnt hatte. Wenn an dieser Story tatsächlich etwas dran war, würde das einen neuen Blickwinkel auf das Motiv eröffnen. Und sie hatten wertvolle Zeit in der Ermittlung verloren.

„DAs Bild hätte er niemals in den Koffer gepackt. Er hätte es bestimmt in ein Laken gehüllt und extra getragen. So schätze ich ihn jedenfalls ein. Wo auch immer und mit wem auch immer er sich treffen wollte. Den Koffer hätte er abgegeben oder verstauen lassen. Das Bild hätte er aber niemandem überlassen. Niemals.“ Das kam Blanca plausibel vor. Sie nickte. Blanca hatte nicht vor, den Besuch bei Sita unnötig lange hinauszuziehen also beendete sie das Gespräch.

„Nun, ich hoffe, du hast uns nun alles erzählt, was wichtig ist. Sollte dir, was ich nicht hoffe, doch noch was einfallen, ruf bitte an. Echt schade, dass du an all das nicht schon beim ersten Mal gedacht hast. Du hättest dich wirklich etwas mehr konzentrieren können.“

19-Blanca

Blanca war richtig sauer.

Nicht nur, dass sie mit ein und derselben Person zweimal sprechen musste, sie hätten schon seit Tagen dieser Spur nachgehen können. Wenn jeder so sorglos mit dem Thema umgehen würde, würden sie den Mörder nie finden. Sie fand Sita einfach nur respektlos und ignorant und war froh, von ihr weg zu kommen.

Wütend fuhr sie zurück in die Zentrale. Sie wollte die neuen Erkenntnisse unbedingt in die Deduktionssoftware eingeben. Sie war gespannt, welche neuen Schlussfolgerungen die Ermittlungs-Anwendung aus den neuen Prämissen ziehen würde.

Blanca war schon länger nicht im Büro gewesen und in ihrem Mail-Account stapelten sich Nachrichten, Post und Tickets. Sogar in ihrer physischen Posteingangsbox lag etwas. Es sah aus wie ein Datenstick. Sie hatte vor, heute endlich einiges aus ihrer Mailbox abzuarbeiten. Doch sie konnte sich einfach nicht konzentrieren. Sie war zu neugierig, was das für ein Stick war. Und so sehr sie auch versuchte, sich erst um die vordringlichen Aufgaben zu kümmern, sie wollte unbedingt wissen, was sich auf dem Stick befand. Sie griff nach ihm. Er war versiegelt, aber das Siegel war angebrochen. Es hatte also schon jemand vor ihr gesehen, was sich darauf befand.

Sie hielt das Röhrchen vor sich und schraubte den Deckel ab.

Dann entnahm sie den zündholzgroßen Datenträger. Sie liebte das quarzförmige Material der Datensticks, es schillerte so schön. Es war kein Zettel dabei, also steckte sie den Stift direkt in die Konsole, die vor ihr stand. Sie öffnete das Basisverzeichnis – und fand dort das Schreiben, nach dem sie gesucht hatte.

„Hallo Mike, hier ist das Ergebnis der Analyse jener Probe, die wir für dich auswerten sollten. Unser Verdacht hat sich bestätigt. Es sind keine Globuli, das sind hochentwickelte Syswasserpolyophagen. Das ist eine Kombination aus Viren und Bakterien, die hier auf der Insel nicht bekannt sind, die es vor fünfzig Jahren nicht gab und die wir auch nicht züchten hätten können. Es muss also von Resterde hier her gebracht worden sein. Und es bedeutet auch, dass auf Resterde eine Weiterentwicklung stattfindet, die dieses hochentwickelte Produkt hervorgebracht hat. Es hilft auch gegen Bakterien und Infekte, gegen die unsere Mittel unwirksam sind. Wer auch immer das Zeug vertreibt, hat es also von Resterde hergebracht. Wir haben damit den Beweis, dass auf Resterde Leben möglich ist. Die zweite Probe waren übrigens ganz normale Globuli. Also das unwirksame Zeug aus Milchzucker.“

Blanca war baff.

Es gab jetzt also tatsächlich einen Beweis für Leben auf Resterde.

Helgor hatte also Recht gehabt. Sie musste sofort zu Mike und ihm diese Nachricht zu überbringen. Sie loggte sich aus dem System aus und war froh, dass sie ihrem Instinkt gefolgt war. Keine Nachricht, kein Ticket konnte wichtiger sein, als das hier.

Blanca hatte gerade das Büro verlassen, als ihr Legpad verrücktspielte. Blanca zog es aus der Halterung.

Automatisch startete eine Anwendung, eine Map der Insel und ein fetter roter Punkt. Blanca verstand. Es war ein Pfad, dem sie folgen sollte. Scheinbar hatte jemand mit dem City Positioning System Daten eingegeben und eine Route, der sie folgen sollte. Nachdem ihre Neugier ihr heute schon eine wichtige Erkenntnis verschafft hatte, verließ sich Blanca erneut darauf und folgte dem Signal.

Erst lotste sie das Signal weg vom CPT, dem Bürogebäude in dem sie arbeitete. Mit der Tube musste sie weiter in die Vorstadt. Hier war sie lange nicht gewesen. Es war der älteste Teil des Bohrinselkomplexes, die Landezone für die ersten Privilegierten, die man zum Aufbau von Resterde her geholt hatte. Sie waren die ersten Bewohner der Insel und gestalteten und formten Usguard. Ihre Handschrift war heute noch überall erkennbar. Es war ruhig in der Vorstadt, es gab kaum Vorfälle, nur selten führten Einsätze Protektoren hier her. Dieser Bezirk war das Revier von Victa und Nick. Sie hatte ein mulmiges Gefühl. Hoffentlich begegnete sie ihnen nicht, sie hätte auch keine Freude gehabt, die beiden in ihrem Terrain vorzufinden.

Langsam fragte sie sich, ob sie nicht einen Fehler machte. Es war schon ziemlich verrückt, in diesen gefährlichen Zeiten, wo ein Mord nach dem anderen passierte, einem wildfremden Signal aus einer Laune heraus zu folgen und niemandem Bescheid zu geben. Sie überlegte kurz und hielt inne. Sollte sie es jemandem sagen? Sich bei jemandem abmelden? Sie wollte keine Zeit und auch das Signal nicht verlieren. Sie war auch nicht die Zielgruppe, nur Neobioten waren bisher im Visier des Mörders. Ihre Neugier siegte und unverdrossen ging sie weiter.

Der Legpad zeigte ihr einen Weg an, den sie aber nicht mehr gehen konnte. Sie war vor einer Wand angekommen. „Wollte das Signal etwa, dass sie ihren Weg unter der Plattform fortführte?“ Nun es gab keine andere Möglichkeit. Blanca kehrte um und öffnete eine der Klappen, die eine Leiter zur unteren Teil der Plattform freilegten. Sofort blies ihr kalter Wind entgegen, und die Luft war viel freuchter, als hier oben. Nun war sie dem Signal so weit gefolgt, jetzt aufzugeben, kam nicht in Frage.

Das Signal führte sie in die unteren Ebenen.

Den Privilegierten war es nicht gestattet, sich hier unten aufzuhalten. Glücklicherweise war sie aber keine normale Privilegierte. Sie war Protektorin und ein Zögling von Leo Vincent. Sie konnte tun und lassen was sie wollte. Schon hatte sie die Fährte wieder aufgenommen und folgte dem roten Faden auf ihrem Legpad weiter. Und auf einmal endete der Strich in einem fetten Punkt. Sie war angekommen.

„Du bist gekommen. Schön.“ Hörte sie von hinten. Sie drehte sich um und sah Helgor vor sich.

„Du? Stimmt es also doch, was man sich erzählt.“

Helgor nickte und lachte. „Unverwüstlich so wie es aussieht.“

„Du hast mich hier nach unten gelotst. Warum?“ fragte Blanca.

„Wir müssen etwas Wichtiges besprechen. Ich brauche deine Hilfe und ich biete dir dafür die meine an.“ Helgor wusste, dass er etwas Gutes anbieten musste, wenn er Hilfe von ihr wollte.

19-Helgor

„Wobei könnte ich deine Hilfe benötigen?“ fragte sie irritiert.

„Bei der Wiederbeschaffung deines Arms zum Beispiel? Und ein wenig Rache.“ Helgor wusste zu gut, womit er sie ködern konnte und kam gleich zum Punkt.

„Wenigstens redest du nicht lange drum herum. Und was willst du dafür?“ Blanca musste etwas schmunzeln, blieb aber unbeeindruckt.

„Nun, Mina sucht immer noch nach der Lösung für das Rätsel, das ihr Vater ihr hinterlassen hat. Ich habe die Lösung.“

„Was hast du nicht? Du weißt alles und kannst alles. Und trotzdem musst du dich hier unten verstecken.“ Blanca war noch nicht überzeugt. Die Großkotzigkeit von Helgor nervte sie. Wieso sollte er die Antwort auf die Frage haben, nach der Mina seit vielen Jahren sucht.

„Ich weiß, was Mina wissen will und was ihr Vater mit: <Es ist die zwölfte. Mach es gut, du darfst nicht scheitern. Finde heraus, was mit den anderen elf schief gelaufen ist und ihr werdet gerettet werden> gemeint hat.“ Ich kann ihr sagen, was sie wissen möchte und damit will ich mir ein Ticket für da oben eintauschen.“

Blanca hatte den Wortlaut noch nie in dieser Formulierung gehört. Sie war überrascht, dass Helgor ihn in dem Detaillierungsgrad kannte.

„Ich hab hier eine Skizze für dich.

Ich möchte, dass du sie an Mina weiterleitest und mir einen Termin bei ihr checkst. Ich will einen Chip der nicht vorbelastet ist, Straffreiheit, will Teil der Usguard Familie werden und mit Amy hier in Frieden alt werden können. Wenn Sie zustimmt, erfährt sie alles von mir, was sie wissen will.“ Helgor reichte Blanca einen Fetzen Papier.

Zögerlich nahm ihn Blanca entgegen. „Wie erreiche ich dich?“

Helgor hielt ihr eine Minidrohne hin. „Hier. Nimm die. Einmal leicht drücken, so aktivierst du sie. Sie ist auf meine Koordinaten programmiert. Du folgst ihr, sie wird wieder einen roten Strich auf dein Legpad zeichnen. Wenn du so weit bist, sind die Drohne und ich es auch.“

Blanca nickte und drehte sich um. „Ach übrigens“ sie wollte ihn noch etwas fragen. Doch als sie sich nochmals umwendete um ihn zu fragen, war er bereits weg.

„Wie macht er das nur“ Sie schüttelte den Kopf und machte sich auf den Weg zu Mike. Es gab viel zu tun und vieles zu entscheiden. Sie brauchte jetzt die Hilfe ihres Partners. Er hatte sich lange genug zugedröhnt. War Zeit, dass er wieder am Geschehen teilnahm.

 

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