Kapitel 20: Bittere Tropfen

Blanca klappte ihren Hoverroller zusammen und verstaute ihn in ihrer Rückentasche. Sie ging nach oben zu Mikes Appartement und läutete. Es war schon eine Zeit lang her, dass sie das letzte Mal hier gewesen war.

Wie erwartet, öffnete niemand. Blanca hatte noch den Code, den ihr Mike für Notfälle gegeben hatte.

Sie ließ sich selbst hinein.

Mike lag zerstört in seiner Schlafkapsel. Er sah fürchterlich aus und auch der Geruch in der Wohnung war alles andere als betörend. Sie drehte das Gebläse und die Abluft auf max. Sie suchte nach den Tropfen, die Mike ihr immer verabreichte, wenn sie verkatert war, konnte aber im Bad nichts finden. Während sie suchte, ließ sie die Sport Nachrichten laufen, sie hatte ohnehin immer zu wenig Gelegenheit, sie zu hören.

Endlich, in der Garderobe wurde sie fündig, da stand es ja: das braune Fläschchen, mit der ekelhaft bitteren Flüssigkeit. Sie öffnete erst Mikes Schlafkapsel und dann seinen Mund. Sie tropfte ein paar Tropfen des Muntermachers hinein und leerte vorsichtshalber noch etwas nach. Doch nichts. Keine Reaktion. Sie konnte es nicht verstehen. Sie kostete selbst noch einmal einen Tropfen der Substanz. Bitter wie eh und je. Ein unvergesslicher Geschmack. Es mussten die richtigen Tropfen sein, warum nur reagierte Mike nicht darauf?

20-Mike

Dann endlich, mit viel zu langer Verzögerung, verzog Mike sein Gesicht und den Mund.

„Bäh. Zur Hölle, willst du mich vergiften?“ Mike sprang aus der Kapsel und holte sich eine Flasche Wasser. Er torkelte. Sein Kreislauf spielte nicht richtig mit.

„Na hervorragend. Ich stehe auf und mein Blutdruck bleibt liegen. Das hatte ich schon ewig nicht mehr.“ Er griff nach einem Stuhl und setzte sich rasch hin. Er ließ den gesamten Inhalt der Wasserflasche seinen Rachen hinunterlaufen, es war bestimmt ein Liter Flüssigkeit.

„Da ist aber jemand durstig!“

sagte Blanca und setzte sich auch.

„Wie viel Tropfen hast du mir gegeben?“ fragte Mike.

„Etwa zwanzig“ murmelte Blance. „Ich weiß, viel zu viel. Sorry.“

„Gib her.“ Sagte er und forderte sie auf, ihm das Fläschchen zu überlassen.

Sie hielt es ihm hin. Er öffnete es und nahm noch einmal einen Schluck direkt aus der Flasche.

„Mann, das ist wirklich bitter.“ Er stapfte noch einmal in die Küche und holte sich nochmal Wasser. Dann ging er aufs Klo.

„Kannst du dir dann bitte etwas anziehen?“ bat Blanca. „Du weißt schon, wir sind Kollegen und so. Und auch wenn wir uns schon ewig kennen. Mir wärs lieber, du hättest etwas an. Und mach die verdammte Tür zu. Ich muss das nicht hören.“

Mike kam aus dem Bad und hatte einen Einwegmorgenmantel an.

„Besser?“ fragte er.

„Besser.“ Sagte sie.

Blanca hatte den Brief seiner Eltern ausgedruckt und hielt ihm den Brief hin. Mike setzte sich wieder und begann ihn zu lesen. Er hielt dabei ein Auge zu. So richtig fit war er noch nicht.

„Oho.“ Sagte er.

„So sieht es wohl aus.“ Sagte sie.

„Lommy ist also nicht von hier. Wer hätte das gedacht.“ Mike nickte vor sich hin.

„Und sieh mal hier. Ich hab von Helgor diese Liste bekommen.“ Blanca erzählte Mike was alles passiert war, während er sich mit Toxa vergnügt hatte.

„Du hast die Liste einfach gelesen? Die ist doch nicht für dich bestimmt.“ Schimpfte Mike vorwurfsvoll.

„Und wer soll kontrollieren, ob ich sie lese oder nicht? Sie ist ja nur gefalten und nicht versiegelt oder verschweißt. Sieh dir doch nur diesen Schmierzettel an!“ schimpfte sie zurück.

„Da hast du Recht. Aber stell dir vor, du wirst verhört. Du weißt, wozu Mina fähig ist. Vor allem dann, wenn jemand Informationen hat, die sie nicht teilen will.“

„Ah, sie wird schon nicht drauf kommen.“ Beschwichtigte Blanca, aber Mike hatte in einer offenen Wunde gebohrt. Sie bekam ein mulmiges Gefühl.

„Niemand versteht, was da drauf steht.“ Sie zeigte Mike den Zettel und er las:

„1-Olymbia, 2-Tevaloga, 3-Tammylnatu, 4-Debyss, 5-Ethan, 6-Artlantys, 7-Hanna Patscha, 8-Ylyru, 9-Fugee, 10-Kaylasch, 11-Vallahall ,12-Usguard. War das die Namensauswahl die für unsere Stadt zur Verfügung stand?“ Mike verstand nicht.

„Ich denke, da ist mehr dran. Was, wenn wir schon der zwölfte Versuch sind?“ Blanca grübelte.

„Wir hätten doch wohl mitbekommen, wenn die Welt schon vor 2042 für tot erklärt hätten. Vor uns hat es keine letzte Zuflucht gegeben.“ Mike fand Blancas Vorschlag blöd.

„Ganz egal. Ich habs eingescannt. Los – wir müssen das jetzt dem Coach übergeben. Und dann müssen wir den neuen Spuren nachgehen. Wir müssen Lommy besuchen, und ich will wissen, was die Deduktionsapplikation zu den neuen Hinweisen ausgespuckt hat.“ Blanca drängte zum Aufbruch.

„Mach dich frisch – und dann hopp hopp.“ Blanca klatschte in die Hände.

Mike wollte ins Bad. Er drehte sich noch einmal um.

„Sag, hast du etwas von meinen Eltern gehört?“

Blanca schüttelte den Kopf. „Nein leider. Sie lässt mich nicht zu ihnen. Deshalb wird es Zeit, dass du endlich wieder am richtigen Leben teilnimmst.“ Sagte sie traurig.

Mike nickte und ging endlich ins Bad.

Blanca stellte die Route für die nächsten Tage zusammen. Sie hatten einiges zu tun. Am Gespräch mit dem Coach wollte sie nicht teilnehmen, Mike hatte angeboten, ihr das abzunehmen.

„Helgor der Hellseher hat Hinweise für Mina. Er weiß angeblich, was es mit der Zwölf auf sich hat. Als Beweis möchte er ihr dieses Schriftstück übergeben. Was auch immer bedeutet, was da drin steht.“ Mike übergab Titus Grab den Zettel von Helgor. Er konnte immer noch nicht glauben, dass der schlechteste Detektiv der Insel den Job bei Mina bekommen hatte. Er sah wie immer extrem cool aus, trug seine dunkles Haar gut gestyled, die langen Stirnfransen lässig über das linke Auge. Mike nannte ihm die Bedingungen, die Helgor Blanca als Verhandlungsbasis mitgegeben hatte. Dann ergänzte er noch etwas.

„Sag Mina, sie soll meine Eltern begnadigen und ihnen noch eine schöne letzte Woche gewähren. Ich möchte sie besuchen und sie dann mit nach Hause nehmen.

20-Mike2

Dafür liefere ich ihr Helgor aus.

Ob sie sich dann an den Deal halten will oder nicht, ist ihre Sache.“

„Oh, da macht wohl einer Geschäfte ohne seine Partnerin! Oder weiß Blanca darüber Bescheid?“ fragte Titus sichtlich amüsiert.

Mike antwortete nicht darauf. „Sag es ihr einfach. Mina. Nicht Blanca.“

Blanca war indessen zu Amy unterwegs. Die Deduktionsmaschine hatte erneut ihren Namen ausgespuckt. Sie wollte ihr ohnehin von der Begegnung mit Helgor berichten und hatte damit gleich einen Vorwand, sie nochmals auszuhorchen. Die eigene Freundin zu verhören und zu verdächtigen fiel ihr sichtlich schwer.

Amy freute sich, Blanca zu sehen.

„Komm herein. Wie geht es dir?“

Blanca nahm am angebotenen Stuhl Platz.

„Amy, ich muss gleich zur Sache kommen. Unser System hat deinen Namen als Verdächtige im Mordfall Rudy Fusar ausgespuckt. Ein zweites Mal. Das passiert wirklich nicht oft. Du bist mittlerweile also sehr verdächtig. Erzähl mir bitte nochmal alles, was du an diesem Tag getan hast.“

Amy hatte ihr den Rücken zugedreht.

Die Nachricht bohrte sich wie ein Dolch in ihre Magengrube.

20-Amy1

Verdächtigt zu werden hatte wahrscheinlich niemand gerne. Sie drehte sich zu Blanca um.

„Du bist lustig. Ich führe kein Tagebuch über jede Minute meines Lebens. Und je weiter das zurückliegt, umso schwächer sind meine Erinnerungen.“

Versuch es einfach. Erzähl mir, woran du dich noch erinnern kannst. Du bist an jenem Tag zur Rudy gefahren. Hat er dich angerufen, hast du ihn angerufen oder hattet ihr den Termin schon zuvor ausgemacht?

„Es war relativ kurzfristig. Ich sollte eine Lieferung für Ramos übernehmen, da er selbst Stress hatte und noch etwas fertig machen musste. Daher bat er mich, den Transport an den Dealer zu übernehmen.“

Blanca verglich und nickte. Das stimmte mit der Aussage vom letzten Mal überein.

„Was solltest du von wo wohin bringen?“

„ES hieß ein paar Kisten. Wie gesagt, abzuholen bei Ramos und abzuliefern bei Fusar.“

„Und jetzt sind beide tot. Dass du zu den Hauptverdächtigen gehörst, verstehst du aber schon?“

Amy nickte. „Ja ich weiß, es ist total blöd. Was soll ich tun? Ich kann dir nur erzählen, was passiert ist.“

„Dann erzähl weiter.“ Blanca forderte sie auf, fort zu fahren. Sie musste Motiv, Gelegenheit und Mordwaffe ermitteln. Die Gelegenheit hatte Amy, aber Motiv und Mordwaffe waren noch unklar.

„Rudy hat geöffnet. Er war sehr aufgewühlt.“ Fuhr Amy fort.

„Hast du eine Tasche oder etwas gesehen. Einen Hinweis, dass er gepackt hatte?“ fragte Blanca.

„Gepackt? Wo hätte er denn hinsollen?“ fragte Amy neugierig.

„Beantworte einfach die Frage bitte.“ Blanca durfte nicht antworten.

„Nein, es ist mir nichts aufgefallen. Wie ich schon gesagt habe, hat er mir dann sein Bild gezeigt.“

„Du sagst also, er war unter Zeitdruck, weil er dringend etwas fertigstellen musste. ER war aufgewühlt und hektisch. Und trotzdem nimmt er sich die Zeit und zeigt dir sein Gemälde?“

Amy grübelte nach.

„Ja, das war so. Mich hat das auch gewundert. Aber wie oft bekommt man die Gelegenheit, sich so etwas anzusehen. Ich wollte mir das nicht entgehen lassen.“

„Und dir ist sonst nichts Ungewöhnliches in der Wohnung aufgefallen?“

Amy versuchte sich zu erinnern und schüttelte den Kopf. „Nein, nichts.“

„Was hast du in der Tasche gehabt, als du in die Wohnung gegangen bist und was, als du sie wieder verlassen hast?“

Amy war überrascht.

Diese Frage wurde ihr beim ersten Verhör nicht gestellt. Sie fragt nach, warum der Inhalt ihrer Tasche relevant war.

„Nun, nachdem die Deduktionsmaschine deinen Namen heute zum zweiten Mal ausgegeben hat, hab ich mir nochmal die Überwachungsvideos angesehen. Es sieht so aus, als ob deine Tasche beim Hineingehen auch schon sehr schwer war, nicht erst beim Hinausgehen.“ Blanca zeigte Amy die Aufnahmen. Und tatsächlich sahen die Knöchel an den Fingern sehr angespannt aus. Was also hattest du schon in der Tasche, bevor du die Lieferung entgegen genommen hast?“

„Ich hatte Wasserflaschen eingesteckt“.

„Wasserflaschen?“

„Ja, Wasserflaschen. Du weißt, dass der Dealer oft Kapseln in seinem Magen transportier hat. Er hat viel Wasser benötigt, um das runterzuspülen.“

„Wasser also. Jetzt nähern wir uns aber der Straftat. Amy bitte sei vorsichtig, was du mir erzählst. Ich bin offiziell hier. Wenn du mir jetzt erzählst, dass du illegal gehandelt hast, muss ich dich mitnehmen.“

„Ich hab nicht illegal gehandelt. Ich wollte ihm das Wasser schenken, nicht verkaufen.“

„Aha.“ Blanca machte sich Notizen und war erleichtert, dass sie ausführliche und legale Antworten von Amy bekommen hatte. Warum sie Wasser zu verschenken hatte, wollte sie nicht mehr wissen, das hatte mit ihrem Mordfall nichts zu tun.

„Gut Amy, für heute reicht mir das so. Bitte halte dich weiter zur Verfügung, falls wir noch Fragen an dich haben.“

Amy atmete entspannt auf und atmete durch. „Das ist ganz schön strapaziös. Auch wenn man nichts zu verbergen hat, ist das doch ziemlich aufregend muss ich sagen.“

„Tee?“ fragte Amy und Blanca nahm dankend an.

20-Blanca

„Und jetzt zu etwas Privatem.“

Blanca erzählte Amy von ihrer Begegnung mit Helgor und Amy lauschte gespannt. Beide waren froh, dass es ihm gut ging und auch Amy konnte sich keinen Reim auf die Auflistung der zwölf Namen machen, an deren Ende Usguard stand.

„Eve ist auch verschwunden. Alle suchen schon nach ihr.“ Blanca setzte mit der Geschichte von Eves Chip noch eines drauf und Amy wurde sichtlich nervös.

Sie erzählte Blanca von dem Vorfall mit Eve und Urna. „Am besten fragst du mal bei Urna nach, sie hat sie gesehen. Sie wollte unbedingt ihre Behandlung übernehmen.“

„Behandlung? Was hatte Eve denn?“

„Ohrenschmerzen, Kopfschmerzen, Fieber.“

„Könnte Coxstatitis sein. Ohje. Und damit läuft die frei herum?“

„Ja, ich hab auch gesagt, sie soll zum Arzt aber Eve meinte, sie hat gerade enorme Troubles und kann sich jetzt nicht mit der Seuche einweisen lassen. Deshalb wollte sie eine unbürokratische Lösung über Urna herbeiführen.“ Das Wort „unbürokratisch“ setzte Amy mit ihren Zeige und Mittelfingern und Anführungszeichen.

„So ein Mist. Diese bescheuerte Eve. Sie macht in letzter Zeit nur noch Ärger. Jetzt läuft die noch mit einer ansteckenden Krankheit herum. Danke für den Hinweis Amy. Hast du eine Adresse von Urna? Wir werden sie zum Verhör abholen“.

Amy gab ihr die Adresse und verabschiedete Blanca. Es waren drei sehr strapaziöse Themen und sie war völlig durchgeschwitzt. Auch wenn sie sich über Blancas Besuch gefreut hatte, sie war doch irgendwie erleichtert, dass sie jetzt wieder ging.

Doch eine Sache musste noch sein, bevor sie sich der Körperhygiene widmen konnte. Sie nahm ihr Telefon.

„Du Urna, ich muss dir da dringend etwas erzählen oder besser gesagt beichten, aber du wirst gleich Besuch bekommen….“

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