Kapitel 21: Ein gewiefter Plan

Urna brach in Panik aus. Der Anruf von Amy mit der Warnung vor den Protektoren hätte ungelegener nicht kommen können. Sie war gerade dabei, eine Charge neuer Tabletten herzustellen und alles, was sie dafür benötigte war in ihrem kleinen Container ausgebreitet. Verzweifelt versuchte sie Lommy zu erreichen, doch sie erwischte ihn nicht. Ohne Zweifel würden die Systemagenten wenn sie mit ihr fertig waren, als nächstes bei ihm aufkreuzen. Er musste unbedingt Eve loswerden. Sie tippte schnell eine Nachricht ins Legpad um ihn zu warnen.

Eilig versuchte sie noch aufzuräumen. Doch es war zu spät.

Alle Substanzen und Salze, ihre Fläschchen und Röhrchen lagen herum. Es war ein richtiger Saustall. So etwas war in ein paar Minuten nicht zu retten. Und auch der schwarze Anzug, den Eve so hasste, lag noch offen herum. Wenigstens den wollte sie noch im Wandschrank verstauen. Sie wusste gar nicht, wo sie beginnen sollte, und während sie noch panisch versuchte, alles irgendwie in Schubladen zu stopfen, pochte es an der Tür. Ängstlich öffnete sie.

Amy wurde durch einen heftigen Stoß nach hinten geschleudert.

Die Protektoren stießen die Türe kraftvoll auf betraten unsanft die Wohnung. Wie immer waren sie zu zweit. Die mächtigen Gestalten, von oben bis unten in dunkelgraues Material eingeschweißt, waren sehr angsteinflößend. Nicht einmal die Visiere der Helme hatten sie hochgeklappt. Urna lag hilflos vor ihnen am Boden und sah zu ihnen hoch.

Die weibliche Stimme sagte: „Urna Faktori, Privilegiertencode PC20560315-22. Bereits einmal vorbestraft wegen des Verstoßes gegen Leitsatz vier und zwölf.

Die männliche Stimme sagte: „Wir verhaften dich wegen des erneuten Verstoßes gegen Leitsatz zwölf“. Dann feuerte einer der Remover, den sie dabei hatten, seine Waffe ab. Urna fühlte, wie sich die Spitzen des Tasers in sich hineinbohrten. Als ein heftiger Stomstoß durch ihren Körper hindurch fetzte, verlor sie das Bewusstsein.

21-Prot

Der Coach trug immer noch den Zettel, den er von Mike bekommen hatte, mit sich herum.

Er tüftelte an einem Plan herum, wie er das meiste Kapital für sich aus der Sache herausschlagen konnte. Bevor er nicht wusste, wie er verfahren sollte, wollte er nicht vor seine Chefin treten. Es spielte jetzt keine Rolle mehr, ob Mina heute oder morgen von der Sache erfahren würde. Sie suchte nun schon so lange nach der Antwort, da kam es auf diesen einen Tag auch nicht mehr an. Dachte er jedenfalls.

Es ging ja auch gar nicht mehr nur um diese blöde Antwort auf Leos Rätsel, diese Sache war mittlerweile viel größer, als Mina hätte je erahnen können. Es gab so viele Zeichen und so viele Hinweise. Der Zettel mit der Auflistung war die eine Sache, die vielen Sichtungen und ungeklärten Fragen und Gerüchte, die sonst noch so in der Stadt kursierten, waren die andere.

Bisher hatte es niemand gewagt, Mina von der „Predigt Helgors“ zu erzählen.

Die Inhalte jener flammenden Rede, die Helgor gleich nach dem er verhaftet worden war in Kontumaz vor seinen Mithäftlingen gehalten hatte, über das Leben auf Resterde, waren natürlich nicht in Kontumaz geblieben. Geschichten und gute Storys finden ihren Weg, und nicht nur Anhänger von Verschwörungstheorien waren inzwischen der Überzeugung, dass Helgor seine Hinrichtung überlebt hatte und seine Geschichte stimmte. Bei manchen Fanatikern war er bereits jetzt ein Mythos.

Die Berichte über Sichtungen von Schiffen am Horizont häuften sich. Es gab Unstimmigkeiten bei den Ermordeten, deren Chips nicht zu ihren Körpern passten. Und nun lag dem Coach ein Schreiben vor, das er auf Blancas Tisch gefunden hatte, das eindeutig belegte, dass in Flauna ein Medikamente analysiert worden war, das nicht von dieser Insel stammen konnte.

Für Titus war klar, dass Usguard von Spionen aus Resterde unterwandert worden war. Sie waren hier, mitten unter ihnen. Da brauchte man nur 2 und 2 zusammenzählen. Doch wenn er jetzt Mina voreilig mit seinem Verdacht konfrontierte, würde großes Unheil ausbrechen, das wusste er. Auch die Medien durften keinen Wind davon kriegen und die Bevölkerung durfte natürlich auch nichts erfahren. Er durfte also niemanden ins Vertrauen ziehen. Bisher hatte sicherlich niemand außer ihm die Zusammenhänge verstanden. Doch viel Zeit blieb ihm nicht. Bald würde jemand die gleichen Rückschlüsse ziehen wie er.

Wie also Profit aus der Sache schlagen?

21-Titus

Er wollte seinen Vorsprung unbedingt zu seinen Gunsten ausnutzen. Aber wie? Wenn es Resterde tatsächlich gab, wollte er unbedingt dort hin. Das heißt er musste sich mit jenen verbünden, die von dort gekommen waren. Mit den Spionen. Aber wie konnte er sie identifizieren?

Irgend jemand hatte das bereits geschafft und tötete sie nun alle. Einen nach dem anderen. Der Don passte irgendwie noch gar nicht ins Bild. Was hatte er mit den Rest-Erdlingen zu schaffen? Der Don war auf der Insel geboren. Das stand fest. Er war garantiert kein Rest-Erdling. Auch sein Mord war anders als die anderen. Das wollte einfach nicht passen.

Es musste also einen Mörder geben, der alle Resterdlinge tötete und einen, der noch ein anderes Motiv hatte.

Er musste alle Rest-Erdlinge aufspüren, bevor sie dem Mörder zum Opfer fielen. Tot brachten sie ihm nichts. Er musste gleichzeitig auf der Hut sein um nicht selbst ins Visier zu geraten. Mina konnte er auch nichts von der Sache erzählen, denn die würde dann wieder alle hinrichten lassen. Dann konnte er seinen Plan von dieser Insel weg zu kommen auch gleich in den Wind schießen. Und dann war da noch die der sentimentale Wunsch des Protektors Mike. Er war nicht sicher, ob er Mina damit überhaupt behelligen sollte. Ihre Stimmung kippte ohnehin immer so schnell, wer weiß, wie sie reagierte, wenn er sie mit sowas belästigte. Das alles musste ordentlich abgewogen werden.

Irgendwie musste er es schaffen, an Helgor heranzukommen.

Der wollte zwar aus irgendwelchen Gründen nicht zurück nach Resterde, sonst hätte er nicht nach einer legalen Aufenthaltsgenehmigung gefragt, aber wenigstens könnte ihm dieser den Kontakt zu den anderen Rest-Erdlingen herstellen. Er musste es schaffen, ihn aufzuspüren. Dazu wiederum brauchte er Mina. Er musste ihr den Zettel aushändigen, dann würde ein Treffen zwischen ihr und Helgor vereinbart werden, Helgor würde kommen und dort müsste er ihn abfangen. Es war wichtig, dass er ihn vor ihr zu sprechen bekam, denn so wie er sie kannte, würde sie ihm erst alles zusagen und ihn dann aber zum Schweigen bringen.

Am nächsten Morgen war sein Treffen mit der Bürgermeisterin angesetzt. Auch wenn sie sichtlich auf ihn stand, er durfte sie nicht unterschätzen. Sie war brandgefährlich und nicht zu unterschätzen.

Sie waren zum gemeinsamen Frühstück verabredet.

Mina saß wie immer völlig aufgedonnert und overdressed in ihrem großen Speiseraum, sie trug morgens schon ein Abendkleid. Dieser wunderschöne Saal war immer wieder beeindruckend – er war angelehnt an die alten James Bond Filme, der Tisch stand auf einer Glasplatte und darunter, in einem riesigen Pool, schwammen unzählige Fische. Allerdings waren es Speisefische und Zierfische, keine Haie. Auch in den Wänden von Minas Räumlichkeiten waren zahlreiche Riparien, Paludarien, Aquarien und Terrarien integriert und überall bewegte sich etwas. Der gesamte Fischvorrat der Insel tummelte sich hier in ihren Becken.

Selbst Mina lebte nicht im Überfluss.

Wie auch. Was es nicht mehr gab, gab es auch für sie nicht mehr. Brot und Fruchtsäfte gab es seit Jahrzehnten nicht mehr, die Vorräte waren längst erschöpft. Brot, Kartoffeln und Melhlspeisen hatte die heutige Usguard-Generation nie kennen gelernt und vermisste daher auch nichts.

Mina plauderte und scherzte, als wollte und wollte sie nicht zum geschäftlichen Teil kommen. Ihm war aber nicht nach plaudern also wagte er einen Vorstoß. Er zog Helgors Zettel aus seiner Tasche und entfaltete ihn. Dann schob er ihr ihn am Tisch mit der flachen Hand hinüber.

„Was ist denn das Schönes? Haben sie mir etwa ein Gedicht mitgebracht?“ säuselte Mina entzückt.

Er verneinte und zog sein Programm durch, so wie er es geplant hatte.

Er erzählte von Helgor, seinem Verhandlungsangebot und dem ersten Hinweis zur Lösung von Minas Rätsel. Mina tupfte mit der Serviette erst ihren Mund trocken, griff dann nach einem Glas Wasser und nur wer sie außerordentlich gut kannte, hätte erkennen können, dass sie dabei leicht zitterte. Sie schluckte und griff nach dem Papier. Sie überflog gefasst die paar Zeilen und verharrte dann einige Zeit sprachlos.

„Wie nehmen wir Kontakt auf?“ fragte sie dann ganz ruhig.

„Nun, Blanca kann mit ihm in Kontakt treten.“ Antwortete der Coach.

Mina war sichtlich bemüht, die Kontrolle nicht zu verlieren. „Blanca, Blanca, Blanca. Wenn ich diesen Namen nur höre. Was hat sie denn jetzt schon wieder mit der Sache zu tun? Hört das denn nie auf?“

Titus ging davon aus, dass es eine rhetorische Frage war und überlegte immer noch, ob er Mikes Bitte vortragen sollte oder nicht. Er sah, dass Mina schon gereizt war, und die Situation sprach nicht dafür, aber irgendwie dachte er, sei er es Mike schuldig.

„Ähm. Da wäre noch etwas. Mike Bright hat angeboten, Ihnen Helgor zu übergeben, wenn sie dafür seine Eltern begnadigen, sie haben doch nur noch ein paar Tage bis zur Entwässerung.“

„Papperlapapp“ sagte Mina und machte ausladende Handbewegungen. Sie wurde immer grantiger und immer lauter. „Immer diese Befindlichkeiten. Dieser Helgor will doch freiwillig kommen. Was hätte ich davon, wenn er ihn mir ausliefert. Was immer alle von mir wollen und was immer alle verhandeln möchten. Ich mach dir das, dafür will ich das und ich biete dir das, dafür will ich jenes. Und der siebte Zwerg von links weiß auch noch etwas und will dafür auch noch was von mir. Kommt doch überhaupt nicht in Frage.“

Den Coach ließ die Antwort ungerührt, er hatte damit gerechnet. Aber er hatte es versucht und musste sich nichts vorwerfen lassen. Das war ihm wichtig.

 

21-Mina

„Schaffen sie mir jetzt diesen Helgor her.

Was will er haben? Einen Chip für ihn und seine Frau? Geben Sie ihm das. Und dann soll diese Blanca ein Treffen arrangieren, wenn es denn sein muss. Lieber wäre es mir, sie dabei außen vor zu lassen. Aber wenn es denn nicht anders geht…“ Sie seufzte und wurde wieder leiser. Dramatisch nahm sie wieder Platz.

Titus nickte und ergänzte. „Die beiden Chips und volle Begnadigung für alles bisherige“

Mina war in Gedanken. Sie murmelte: „Ja, in Ordnung. Soll er bekommen.“

Dann ergänzte sie, und wurde dabei wieder lauter.

„Erhöhen sie den Anreiz bei unserem gerade laufenden Gewinnspiel. Versprechen sie denen irgendwas. Wir lösen das ohnehin nicht ein. Aber ich will sie alle finden. Alle, die auch nur im entferntesten etwas über die zwölf zu wissen meinen, und vor allem jene, die diese Liste kennen, will ich wissen. Wir werden eine Hotline einrichten und alle Informationen filtern. Jedem ernstzunehmenden Verdacht werden sie persönlich nachgehen, verstanden? Und alle, die wirklich etwas wissen oder die Liste kennen, bekommen lebenslangen Urlaub auf unserer Gefängnisinsel. Die anderen wimmeln sie einfach ab.“

Sie deutete dem Coach an, dass das Gespräch beendet war und er nun gehen kann.

Titus verstand und nickte. „Natürlich. Dankeschön für ihre Zeit.“ Und mit tiefen Verbeugungen, ohne ihr den Rücken zuzudrehen, entfernte er sich. Es war immer gut, sie bis zum Schluss im Auge zu behalten. Innerlich war er zufrieden und etwas aufgeregt. Alles war wie geplant gelaufen. Nun musste er nur noch Helgor kontaktieren ohne Blancas Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Der Weg zu einem Mann führt vielleicht ja über seine Frau. Also heftete er sich an Amys Fersen.

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