Kapitel 22: Drei gefährliche Pläne. Das wird kein Pappenstiel.

Mike hatte einen fürchterlichen Geschmack im Mund und versuchte ihn loszuwerden. Trinken von reinem Wasser half dabei nicht viel, er brauchte etwas mit Geschmack. Er versuchte Toxa zu erreichen, die er seit ihrer gemeinsamen Nacht nicht mehr gesehen hatte, aber er bekam keine Antwort von ihr. Er nutzte den schönen sonnigen Tag um einen Ausflug nach Flauna zu unternehmen. Es war ein guter Anlass mal vorbei zu schauen, nachdem seine Eltern und Lingus dort verhaftet worden waren. Er traf sich mit Face, Lingus Schwester. Sie kannten sich nicht persönlich, aber er wusste, dass sie seine Eltern gut kannte. Fade erwartete ihn schon beim Eingang und begrüßte ihn freundlich. Mike kam gleich zum Punkt.

„Hi Fade, bevor wir zu dir ins Büro gehen, kannst du mir irgendetwas geben bitte? Ich hab eine schlimme Zeit hinter mehr und hab ein paar illegale Substanzen intus. Mein Geschmackssinn ist total im Eck und ich brauch bitte unbedingt etwas, das mich wieder zu einem Menschen macht.“

Fade musste schmunzeln. Ab man es nicht schon von weitem gesehen hätte. Sie nickte und bat ihn, kurz Platz zu nehmen und zu warten. Dann verschwand sie.

Mike setzte sich in die große Eingangshalle. Es war immer wieder ein Genuss hier zu sein. Optisch als auch Akustisch und olfaktorisch. Was es hier alles zu bestaunen gab, die satten Farben, das Plätschern überall und diese frischen Gerüche. Einfach wunderbar. Er atmete durch. Aber seine Nase war verstopft, sein Hals war rau und seine Augen waren immer noch müde. Zum Glück kam Fade bereits zurück. Sie hielt ihm ein kleines Gefäß mit Blättern und Samen hin.

„Hier, versuch das. Schütt dir davon ein wenig was in den Mund und kau drauf herum. Du kannst es dann schlucken oder ausspucken, wie du möchtest. Ich schlucke es, auch wenn es kratzt, aber es renkt auch den Magen wieder ein.“ Sie zeigte ihm, dass sie Wasser zum Nachspülen dabei hatte. „Keine Sorge.“

Mike nahm die kleine Schüssel und setzte sie sich an den Mund. Er hielt den Kopf nach hinten geneigt und kippte sich die ganze Menge rein. Fade war entsetzt. So war das nicht gedacht und Mike bemerkte sofort seinen Fehler. Das Zeug war scharf und kratzig, die große Menge ließ sich im Mund kaum bewegen und er musste einen Teil davon wieder loswerden. Er spuckte die Hälfte zurück in die Schüssel. Fade griff sich mit der Hand an den Kopf und schüttelte ihn. Mike zuckte mit den Schultern „Sorry. Das war jetzt nicht besonders elegant.“ Murmelte er mit halbvollem Mund. Er kaute auf den Körnern und Blättern herum und merkte die wohltuende Wirkung.

„Cooler Munderfrischer.“ Bemerkte er anerkennend und

Fade anwortete: „Du hattest Glück, du bist bei der Paan-Meisterin gelandet.“

„Davon musst du mir etwas mitgeben. Das kann ich hin und wieder gut gebrauchen.“ Mike fuhr total auf das Zeug ab, hatte einen Teil schon runtergeschluckt und etwas vom zuvor ausgespuckten wieder nachgefüllt. Fade konnte nicht zusehen, es war ziemlich grausig.

„Wie bekommen wir Lingus und deine Eltern wieder aus Kontumaz raus?“

fragte sie ihn um endlich zum Thema zu kommen.

„Ich bin dran, ich hab Kontakt zur Bürgermeisterin. Ich suche nach etwas, das sie haben will, um einen Deal machen zu können. Wie du weißt haben meine Eltern nicht mehr lange und sie sollen ihre letzten Tage nicht in Kontumaz verbringen müssen. Und natürlich werde ich Lingus mit raus holen, wenn es irgendwie in meiner Macht steht.“ Noch war Mike zuversichtlich mit Helgor einen Trumpf in der Hand zu haben.

„Ich hab mir angesehen, woran Lingus zuletzt gearbeitet hat und hab die Log Files seiner Laborstation ausgewertet. Er hat Medikamente analysiert, deren Ursprung nicht von Usguard sein kann. Was weißt du darüber?“

„Ja, so sieht es wohl aus. Und ich bin auch sicher, dass die drei nicht zufällig beim Kiffen erwischt worden sind. Da verbirgt sich wohl etwas Größeres dahinter. Aber es sind laufende Ermittlungen und ich darf dir auch nichts darüber erzählen.“

„Ach hör doch auf, jetzt auf Protektor zu machen und von wegen ich darf nicht darüber sprechen. Du machst so vieles, was du als Systemagent nicht machen darfst, beginne nicht bei mir, dich auf einmal an Vorschriften zu halten. Wozu bist du dann überhaupt gekommen.“ Fade wurde böse.

Mike sah ein, dass die Antwort blöd war. „Was soll ich denn sagen? Ich muss das doch sagen. Aber unter Freunden: Sobald ich was weiß oder etwas tun kann, melde ich mich, OK?“ Er nahm sie sanft am Oberarm und versuchte einzulenken.

„OK. So ists besser“. Sie zog ein kleines Papiersäckchen aus ihrer Tasche und hielt es ihm hin.

„Ich dachte mir schon, dass du dir von der Mischung etwas mit nehmen möchtest. Hier. Für dich.“

Mike freute sich. „Danke, du bist die beste. Ich melde mich. Aber ich muss wieder.“

„Schon klar.“ Sie verabschiedeten sich und Mike wollte sich auf den Weg ins Büro machen, als er noch einen Blick auf sein Legpad warf um neue Texte zu checken. Abgesehen von den Informationen zum laufenden Gewinnspiel von Mina und ein paar Systemnachrichten hatte er ein paar Aufträge bekommen, die er abfahren sollte. Aber gerade eben kam noch eine Nachricht von Blanca rein.

„Komm bitte zu den Varatos. Wir treffen uns alle hier.

Es ist wichtig dass du auch dabei bist. Ich verlass mich auf dich.“

Er fluchte. Er wollte nicht zu den Varatos. Das letzte Zusammentreffen war nicht besonders glücklich und er wollte den Duke jetzt nicht sehen. Noch nicht. Das mit Eve war eine dumme Sache. Aber kneifen? Was war es, das Blanca brauchte? Sollte er sie hängen lassen? Das wollte er auch nicht. Also machte er sich auf den Weg. Irgendwann musste er sich dem Duke ohnehin stellen. Warum also nicht jetzt.

Als er bei den Varatos ankam, staunte er nicht schlecht, als sie wie in alten Zeiten wieder versammelt waren. Der Duke, ein paar Leute der Opposition, Blanca und auch Helgor waren da. Sie redeten hektisch durcheinander. Als sie ihn sahen, war es plötzlich still.

„Auch schön, euch zu sehen.“ Sagte Mike. „Was gibt’s?“

Der Duke stürmte auf ihn zu und packte ihn am Kragen. „Was es gibt? Das ist ja wohl das letzte. Meine Schwester ist weg und du tust, als ob dich alles nichts angeht. Was es gibt? Ist das dein Ernst?“

Mike sah Blanca vorwurfsvoll an. Sie hätte ihn warnen können. Er hatte vergessen, dass Eve verschwunden war. Das war im Rahmen seiner letztwöchigen Eskapade ein wenig unter gegangen.

Die Freunde von Duke schritten ein und trennten ihn und Mike. Ein Gerangel konnte jetzt niemand gebrauchen. Es gab wichtigeres zu besprechen.

Blanca ergriff das Wort.

„Wir haben zwei Dinge zu besprechen.

Wie finden wir Eve und Helgors Plan, meinen Arm zurück zu holen.“

Mike erkundigte sich, warum Helgor helfen wollte, Blancas Arm zurück zu holen und erfuhr, dass Blanca geholfen hatte, eine Begnadigung Helgors zu arrangieren, wenn er als Gegenleistung half, ihren Arm aus dem Museum zu stehlen.

„Das kommt jetzt natürlich ungelegen. Ich wollte dich ausliefern, um meine Eltern frei zu kaufen. Und Lingus. Das wird jetzt ja wohl nichts mehr.“ Murmelte Mike enttäuscht.

„Danke vielmals. Du bist ein wahrer Freund. Du wolltest mich tatsächlich ausliefern?“ Helgor konnte es nicht glauben. Er war schon wieder von einem, dem er vertraute, verraten worden. Was war nur los mit den Leuten hier? Das war ja schlimmer als zuhause. Er konnte das nicht verstehen und musste sich zurückhalten um nicht auf Mike loszugehen.

Blanca sah, dass die Situation zu eskalieren drohte und setzte sich zu ihm. Sie redete auf ihn ein. Sie musste ihn davon überzeugen zu bleiben. Er machte das hier ja für sie und nicht für Mike, er müsse sich das immer vor Augen führen. Sie konnte auch nicht verstehen, was zur Zeit mit Mike los war, wie hätte er Helgor nach allem was passiert war, so hintergehen können.

Alle 3 Kontrahenten saßen in einer eigenen Ecke, umringt von Menschen, die sie zu beruhigen versuchten. Blanca redete immer noch auf Helgor ein, Pia beschwichtigte ihren Mann, den Duke und ein paar der Opposition hatten sich um Mike geschart. Mike meldete sich zu Wort.

„Helgor, mir tut’s echt leid. Das war nicht OK von mir, aber meine Eltern sind in Haft und werden bald entwässert. Ich brauche etwas, das Mina möchte, um sie freizubekommen. In meiner Verzweiflung hab ich deine Auslieferung in Erwägung gezogen. Ich hab’s ja noch nicht gemacht. Also nur für die Absicht musst du nicht so sauer sein. Sorry Mann. Mehr kann ich jetzt nicht sagen.“

Die Anwesenden nahmen Mikes Worte wohlwollend auf. Es war ein Schritt in die richtige Richtung. Sie sahen gespannt zu Helgor rüber, wie er reagieren würde.

Helgor stand auf und reichte Mike die Hand zur Versöhnung. „Schwamm drüber, hätt ich vermutlich auch gemacht, wenn ich keinen anderen Ausweg gesehen hätte. In der Verzweiflung haben wir alle schon mal Fehler gemacht.“ Mike war erleichtert und richtete sich dann an Laduk.

„Duke, mein Freund. Das mit deiner Schwester tut mir leid. Aber die Kleine tickt leider nicht mehr ganz richtig. Sie hat verbotene Dienste in Anspruch genommen und damit auch noch vor mir und meinen Eltern geprahlt. Sie hat mich vor meiner Familie provoziert und bringt mich vor meiner Arbeitgeberin in eine unangenehme Situation. Sie weiß doch, was ich arbeite und dass das einfach nicht vereinbar ist. Da bin ich eben ausgerastet und hab Schluss gemacht. Natürlich helfe ich mit, dass wir sie finden. Aber du darfst es mir nicht übel nehmen, wenn ich nicht mehr mit ihr zusammen sein möchte. Du hättest genau so reagiert. Was Eve getan hat, macht man einfach nicht.“

Wieder gab es bestätigende Bemerkungen von der Crowd, und Pia stieß ihren Mann in die Rippen. Der Duke ging auf Mike zu und umarmte ihn. „Jetzt suchen wir sie erst einmal und die Fresse poliere ich dir später. OK?“

Alle lachten und waren erleichtert. Aber Mike war noch nicht fertig.

„Freunde danke, dass ihr mir vergebt. Aber ich hab jetzt auch noch eine Bitte. Meine Eltern und ihr Freund Lingus wurden vom System verhaftet, von meinen eigenen Kollegen. Sie sind einer Sache auf der Spur, die echt übel ist. Deswegen hat man sie weggesperrt, nicht weil sie gekifft haben. In wenigen Tagen sollen meine Eltern entwässert werden und ich würde sie gerne noch da rausholen, damit sie noch ein paar schöne Stunden in Freiheit verbringen können. Und Lingus hat noch das halbe Leben vor sich, wer weiß, was sie ihm alles anhängen, damit er da nicht wieder rauskommt. Bitte helft mir, ich brauch eure Hilfe.“

Es wurde wieder still und alle sahen abwechselnd zu Helgor, dann zum Duke und wieder zu Mike. Aber Blanca war es, die sagte was nötig war.

„Also haben wir drei Punkte zu besprechen.

Wie finden wir Eve, wie stehlen wir meinen Arm und wie bekommen wir Gibbi, Andal und Lingus aus Kontumaz raus.“

Helgor erläuterte seinen Plan, wie er ins Museum eindringen und den Arm holen wollte. Der Plan war gut und genau so wollten sie es durchziehen. Blancas Herz hüpfte vor Freude. Sie hatte wirklich eine Chance, dem blöden Museumsdirektor eins auszuwischen.

Bei den beiden anderen Themen allerdings herrschte große Zurückhaltung. Bis Helgor erzählte, dass er mit Mina einen Deal eingehen würde. Er erzählte der Gruppe, dass er die Antwort auf Minas Fragen aller Fragen hat und ihr die Antwort gegen Straffreiheit und einen Chip für ihn und Amy eintauschen würde. Er sah Mike an.

„Und jetzt sind wir quitt. Das mache ich für die, die ich liebe. Ich will mit ihr hier den Rest meines Lebens verbringen, ohne Verfolgung und Angst, ganz legal. Ja, wir könnten damit deine Eltern rausholen, aber die haben nur noch ein paar Tage und Amy und ich haben noch viele Jahre vor uns. Das musst du jetzt verstehen.“

Mike wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Helgor hatte genau das Druckmittel, das er brauchte. Und er konnte es nicht für seine Zwecke verwenden. Wie grausam war das denn. Nachvollziehbar war es, aber verstehen wollte er das nicht. „Wann erzählst du uns die Sache?“

„Nun, vermutlich gar nie.

Das ist mein Deal mit Mina. Nur sie wird die Antworten bekommen.

Wenn ihr alle das auch wisst, was hätte sie dann davon? Es ist dann einzig und alleine ihr überlassen, was sie mit ihrem Wissen macht. Ob sie es teilt oder nicht.“

„Welche Garantie hast du, zu überleben? Sobald sie es weiß, wird sie dich und Amy finden und wegsperren. Du kennst sie!“

„Wird sie nicht, lasst das meine Sorge sein, ich habe schon vorgesorgt.“ Helgor war ziemlich siegessicher.

„Eve müssen wir über die Snooper suchen“ schlug Blanca vor. Wir broadcasten Eves Foto und fragen nach, ob sie jemand gesehen hat, vorzugsweise in der Gegend der Neobioten. Und den Hinweisen gehen wir dann nach. Das wird ein Knochenjob, aber die gute alte Methode funktioniert sicher. Sie wollte den Varatos Hoffnung geben.

Pia nickte dankbar. Alles war besser als nichts und sie griffen nach jedem Strohhalm.

Der Duke beendete die Versammlung. „Los jetzt, alle haben etwas zu tun. Die Sequentis ist in zwei Tagen. Wenn wir also am Samstag ins Museum einbrechen wollen, sollten wir jetzt beginnen, die Vorkehrungen zu treffen. Und ihr bitte“, dabei sah er Mike und Blanca an „geht und sucht meine Schwester.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s